Da konnte das Thermometer noch so weit sinken. Die teils rotnasigen Zuschauer waren an Ort und Stelle, als es am Mittwoch wieder einmal darum ging, den Silvesterlauf nicht zu verpassen und die weit über 3000 Teilnehmern zu unterstützen. Im 34. Jahr bot das Rennen über 11,1 Kilometer mit Start und Ziel beim Viadukt wieder einmal beste Unterhaltung bei Riesen-Stimmung.

So zum Beispiel am Ziel-Einlauf nahe des Dreschschuppens. Dort hatte sich bereits - wie schon im vergangenen Jahr - eine halbe Stunde vor dem Start der Fanclub von Jens Neumann (62) aus Tamm eingefunden, und zwar standesgemäß mit Heißgetränken, Gebäck und aufmunternden Transparenten. Seit 17 Jahren ist Jens Neumann mit dabei - und seine Familie sowie Mitglieder der 1. Fasnetzunft Neckarweihingen Mistelhexen gehörten mittlerweile ebenfalls fest mit dazu. Neumann kommt wegen der unvergleichlichen Atmosphäre vor allem am Rand der Strecke. "Wie die Zuschauer hier mitgehen, das ist einfach toll. Und dann die Trommler in der Altstadt. Es macht richtig Spaß, wie die einen in der zweiten Runde tragen", sagt Neumann und weiß, dass natürlich Ehefrau Heidi sowie die Töchter Vanessa und Sarah immer noch der beste Ansporn sind. Familiäre Unterstützung gab es auch für Michael Glora und das Jugendwerk Unterriexingen von Heike Glora und Sohn Philipp, der stolz das Transparent mit Papas Foto hielt.

Als unbestrittener Siedepunkt gestaltet sich für Zuschauer aber jedes Jahr der Marktplatz in der Altstadt. Gaben einige Besuchergruppen entlang der Strecke mit selbst entworfenen Transparenten sowie mit Tröten, Trommeln oder mit Cheerleaders-Einlagen ihrer hellen Begeisterung freien Lauf, so hielten sich die übrigen der rund 20 000 Zuschauer nicht zurück mit La-Ola-Wellen und Jubelgeschrei wie bei Rockkonzerten. "Hände aus den Taschen", hieß es dann auch mehrere Male von Seiten der Streckensprecher Achim Seitter, der mit heiserer Stimme am Mikrofon seinen Part meisterte, sowie "Adi G.", engagierter Unterhalter bei Laufveranstaltungen. Versiert informierte das Moderatoren-Duo die Fans zum sportlichen Ablauf, versorgte die Zuhörer mit Details zu den einzelnen Läufern und vergaß dabei nicht, dem Publikum mächtig einzuheizen.

So war unter anderem bereits vor dem Lauf zu erfahren, dass das Komet-Team für den Bietigheimer Silvesterlauf die Fahrräder gerne mal beiseite gestellt hatte. Und wie das befragte Quartett laufen konnte, stellten sie in den zwei Runden durch die Altstadt unter Beweis - selbstredend von den Fans am Marktplatz mit tönendem Beifall belohnt.

Überhaupt gab es mächtig viel Applaus für die mit hohem Tempo vorbeiziehende Sportlerschar. Vor allem für die Spitzenreiter sowie für die gut gelaunten Mitläufer, die teils in illustren Klamotten auf die Strecke gegangen waren. "Bunnys" mit Hasenohren und Comic-Serienfiguren ließen grüßen. Selbst ein verspäteter Weihnachtsmann begab sich auf Tour, wohl noch auf der Suche nach vergessenen Geschenken.

"Das Rennen ist keine Kirmesveranstaltung", klang es motivierend über die Lautsprecherboxen. Eine Art von Spaßfaktor-Kontrolle der Moderatoren. Denn in diesem Fall bedeutete es, dass der Stimmungspegel gefälligst etwas höher zu steigen habe. "Bietigheim-Bissingen! Seid ihr gut drauf?", so die Nachfrage, die mit einer kräftigen Welle der Fans beeindruckend beantwortet wurde. Ein bisschen Kirmes-Wohlgefühl durfte freilich nicht fehlen. Zur Stärkung der kleinen und großen Zuschauer gab es leckere Rote Würste. Und der feine weiße Winzer-Glühwein am Rathausplatz galt als der Knüller.

Auch Geburtstag wurde mit und im Publikum gefeiert. Aloisa Puritscher aus dem Bietigheimer Stadtteil Buch kam vom festlichen Essen und hatte sich mit Sohn Erich, Schwiegertochter Angelika und Enkelin Sara, gleich in Feierlaune an die Strecke begeben. Die 87-Jährige zeigte sich überwältigt vom Geburtstagsständchen aus dem Chor des Silvesterlauf-Publikums. Ihre aus Rutesheim angereiste Familie war ebenfalls angetan von der herzlichen Atmosphäre. Hobby-Läufer Erich Puritscher nahm sich sogleich vor, im nächsten Jahr die Läuferschuhe beim 35. Bietigheimer Silvesterlauf zu schnüren. Zum ersten Mal übrigens.

Silvesterlauf-Splitter

Rekordläufer Peter Bäuchle von der LG Filder, der diesmal für Heart&Sole an den Start ging, ist alleiniger Rekordmann beim Bietigheimer Silvesterlauf. Der 61-Jährige hat alle 34 Läufe absolviert. Diesmal belegte er in 58,59 Minuten Rang 1519. In der Altersklasse 60 bedeutete die Zeit Rang 33.

Vorausfahrer Rolf Zinßer und Gebhard Binder fuhren auch in diesem Jahr dem Läuferfeld mit ihren Begleitfahrzeugen voraus, gefolgt von einer Fahrradstaffel, deren Mitglieder schon beim ersten Aufstieg in der Schwarzwaldstraße kräftig in die Pedale treten mussten. Binder fährt seit Jahrzehnten der Läuferschar voraus und schaut, dass die Strecke frei ist. Zinßer ist Mitbegründer des Silvesterlaufs und als langjähriger Laufchef noch immer ein wertvoller Ratgeber rund um den Lauf.

Meisterleistung Eine Meisterleistung hatten die Mitarbeiter des städtischen Bauhofs unter ihrem Leiter Hermann Großmann abgeliefert. Nach dem Wintereinbruch am Wochenende leistete die Großmann-Crew ganze Arbeit und sorgte durchgehend für eine schnee- und eisfreie Strecke. Dafür gab es Lob von allen Seiten, ob von den Läufern, den Organisatoren oder den Zuschauern.

Mitläufer In seiner aktiven Zeit als Fußball-Profi und Nationalspieler war Thomas Hitzlsperger nie ein Mitläufer. In diese Rolle schlüpfte der 32-jährige Bayer jetzt beim Silvesterlauf. Hitlzsperger wurde mit dem VfB Stuttgart einst deutscher Meister und belegte mit der deutschen Nationalmannschaft bei der Heim-WM Rang drei und bei der Europameisterschaft zwei Jahre später den zweiten Platz. In Bietigheim kam er nach 52,01 Minuten ins Ziel und belegte Platz 723. Nur als Zuschauer an der Strecke dabei war Zweitliga-Profi Benedikt Röcker von der Spvgg Greuther Fürth, der den Heimaturlaub in Löchgau zu einem Abstecher zum Silvesterlauf nutzte.

Schnellläufer Viel Beifall erntete Joachim Kölz nach seinem Zieleinlauf. Der Bietigheim-Bissinger Bürgermeister kam nach 48,58 Minuten ins Ziel. Das brachte ihm Rang 421 in der Gesamtwertung und Platz 38 in der Altersklasse 50. Mit einer so guten Zeit hatte er vor dem Start nicht gerechnet. "Diesmal werde ich kaum unter 50 Minuten bleiben. Ich war den ganzen Dezember über erkältet", erzählte Kölz vor dem Start. In vier Jahren könnte er gegen den Sersheimer Amtskollegen Jürgen Scholz antreten. Der Präsident des Württembergischen Leichtathletik-Verbandes (WLV) und ehemalige Top-Sprinte, hat für 2018 seine Teilnahme angekündigt. Vor dem Startschuss gab Bietigheim-Bissingens Oberbürgermeister Jürgen Kessing, früher selbst Leichtathlet, den Läufern im Gespräch mit dem einmal mehr souverän unterhaltenden Silvesterlauf-Sprecher Michael Kloiber folgenden Rat mit auf die Strecke: "Nicht so schnell angehen lassen und auf jeden Fall ins Ziel kommen."

Ein Kommentar von Andreas Lukesch: Bietigheims größtes Ereignis

Gut, Bietigheim-Bissingen hatte Avicii und hat den Pferdemarkt, aber der Silvesterlauf ist ungeschlagen das Top-Ereignis. Das Lauf-Event ist der beste Bietigheim-Botschafter und ein Verdienst, der den Veranstaltern, der Stadt, vor allem aber den Bietigheimern nicht hoch genug anzurechnen ist. Selten erhält man bei Laufveranstaltungen - noch dazu bei mitunter ungünstigen Witterungsbedingungen - so viele positive Rückmeldungen wie beim Bietigheimer Silvesterlauf. Auch Läufer finden immer einen Kritikpunkt und fanden ihn auch vor Jahren, bevor der Streckenlauf verändert wurde. Jetzt aber scheint alles perfekt. Für die Besucher am Straßenrand ist der Silvesterlauf der perfekte Einstieg in die Party zum Jahreswechsel und für die Läufer der bestmögliche Jahresausklang. Nur größer sollte die Veranstaltung nicht werden. Das selbst gestecke Oberziel von 4500 Teilnehmern muss nicht erreicht werden. Schon jetzt sind einige Streckenabschnitte mitunter zu eng für die Masse. Weniger ist da deutlich mehr. Dann bleibt der Silvesterlauf eine Liebhaber-Veranstaltung mit Profis und Freizeitläufern an einem ganz besonderen Tag.