Schon von weitem ragt der 14 Meter hohe Metallmast eines Segelbootes aus dem Innenhof der ehemaligen Ziegelei in Besigheim. Bis es so weit war, dass Günter Thiele aus Brackenheim-Meimsheim hier seinen Lebenstraum verwirklichen konnte, gingen zwölf Jahre ins Land. Während geschätzte 90 Prozent seiner Weggefährten diesen Traum begraben und das Boot als halbfertige Ruine zurückblieb, will Günter Thiele zusammen mit seiner Frau Andrea noch dieses Frühjahr in See stechen.

Schon als Jugendlicher hat Thiele Kajaks aus Kunststoff gebaut, und suchte schon sein halbes Leben die Herausforderung im Sport. Er arbeitete als Snowboardlehrer, machte Krafttraining, war leidenschaftlicher Squash-Spieler und liebt das Paddeln im Wildwasser. Der Traum vom eigenen Boot begleitete ihn und seine Frau Andrea Thiele über Jahrzehnte. „Das können wir noch mit 60 machen“, dachte sich der heute 57-Jährige. Die 60 kommt näher und Günter Thiele hat es fast geschafft.

Idee kam in Korsika

Jedes Detail vom Schiffsrumpf bis hin zur verchromten Lenksäule mit eingebautem Kompass, hat er selbst gebaut. Die Initialzündung zu dieser Idee kam bei einem Korsika-Urlaub. Damals dachte er sich, dass es doch schade sei, keinen Zugang von der Landseite her zu den schönsten Buchten zu haben. Die Idee, sich von der Meerseite zu nähern, trieb Blüten. „Ich kam nach Hause und machte gleich mal einen Segelschein am Bodensee. Viele weitere Scheine kamen hinzu unter anderem das spezielle Bodenseepatent.“

Einige Segelturns später näherten sich Thiele und seine Frau immer mehr der Schiffsbauidee. Sie kauften zunächst einen kleinen Katamaran. Im Kopf hatte er immer: „Die Zeit ist da. Der Geldbeutel ist schmal. Ich bin Metaller von Beruf. Es soll demnach ein Boot aus Metall sein, solide gebaut, sodass es möglichst alle Stürme auf allen Weltmeeren überstehen kann.“ Doch Illusionen machte sich Günter Thiele keine. „Meerwasser zerstört auf Dauer alles. Kunststoff gibt Osmose. Ins Holz dringt der Bohrwurm. Bei Stahl besteht die Gefahr der Korrosion und bei Aluminium befürchtet man die Elektrolyse.“ Als gelernter Werkzeugmacher entschied er sich letztendlich für Stahl.

Das Paar besuchte als Erstes einen Selbstbauer, der Pläne vom Schiffsbau verkaufte. Dieser sprach davon, dass Thiele in drei Jahren fertig sein könne. „Doch das Erwachen kam bald. Nach drei Jahren war von einem Boot noch nicht viel zu sehen. Aus drei wurden zwölf Jahre.“

Da der Brackenheimer Bootsbauer auch schon alte Mercedesbusse ausgebaut hat, war der Mercedesmotor wohl so etwas wie ein Muss. Das Gute beim Bau eines eigenen Bootes: „Beim selbstgebauten Segelboot gibt es keinen TÜV. Man muss es dafür aber fünf Jahre behalten. In dieser Zeit wird getestet, ob es sich auf See bewährt. Erst dann darf es verkauft werden“, erklärt er.

Wer die Ate Ziegelei besucht, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Auf 11,80 Metern gibt es hier eine kleine Eigentumswohnung für Seehungrige mit einer kleinen aber feinen Navigationsecke, einem Wohnzimmer, einer Miniaturküche mit allem, was man an Bord braucht, einem Badezimmer und einer Kajüte. Das Herzstück, der Navigationstisch, liegt dem Segler besonders am Herzen. „Es ist einfach der Bereich, wo man trotz GPS mal eine Seekarte ausbreiten kann.“

Die kleine Eigentumswohnung, die zugleich die schönsten Buchten ansteuern kann, liege preislich auch im Rahmen einer Eigentumswohnung“, erzählt der ambitionierte Bootsbauer. Angst vor lecken Stellen hat er aber nicht. Schließlich ist alles beidseitig verschweißt.

„Nohea“

Die ganze Familie Thiele ist sehr reisefreudig. Auch Günter Thieles Brüder „sind ständig unterwegs“, erzählt er. Deshalb wollen er und seine Frau Andrea nun auch nicht mehr länger warten und im April in See stechen. Zuerst wird das Boot mit Kran und speziellem Transporter auf den Rhein transportiert und dort eingesetzt. „Im Neckar geht das nicht wegen der Strömung“, erklärt Thiele. Doch bevor es wirklich losgeht, wird das Segelboot noch feierlich auf den Namen „Nohea“ getauft. „Zwölf Jahre haben wir nach einem geeigneten Namen gesucht.“

Auf dem Rhein fährt das Paar bis Basel und schippert über die Saone 200 Kilometer lang mit 120 Schleusen in Richtung Rhone bis hinunter in die Camarque. Westlich von Marseille kommt die „Nohea“, wenn alles nach Plan verläuft, dann zum ersten Mal in Berührung mit Meerwasser. „Wie wir dann genau weiterfahren wissen wir noch nicht entweder links in Richtung Korsika oder rechts nach Spanien zu den Balearen“, lässt er wissen.

Das zehn Tonnen schwere Boot ist für die Günter und Andrea Thiele der Weg zur totalen Freiheit und so freut sich der Schiffsbauer: „Es gibt so viel zu entdecken. Da kann man Jahre unterwegs sein.“