100 Jahre Frauenwahlrecht Vordenkerinnen auf dem Land

Die erste Gemeinderätin in Besigheim, Maria Nachtigall, spielt eine tragende Rolle in Kathrin Helds Führung über Frauen.
Die erste Gemeinderätin in Besigheim, Maria Nachtigall, spielt eine tragende Rolle in Kathrin Helds Führung über Frauen. © Foto: privat
Besigheim / Susanne Yvette Walter 10.11.2018

Als klassische Stadtführerin, als zertifizierte Fachwerkgästeführerin und als sprachgewandte Touristenführerin, die in vier Sprachen ihr Besigheim vorstellt, verwirklicht sich Katrin Held beruflich. In Stuttgart geboren, in Besigheim aufgewachsen, hat sie beste Voraussetzungen, um  tief in die Stadtgeschichte einzutauchen. Ein besonderes Steckenpferd von Katrin Held sind markante Frauenfiguren in Besigheim, die sich trauten gegen den Strom zu schwimmen und sich auflehnten gegen Unterdrückung und männliche Machtstrukturen.

Ihnen widmet sich die Gästeführerin bei den Themenführungen. „Bei meinen Frauengeschichten in Besigheim habe ich Frauen aus vielen Epochen auf meiner Liste“ , kündigt sie an und beginnt im finsteren Mittelalter. „Aus mittelalterlicher Zeit haben wir Belege zu Clara vom Stein (Steinhaus). Allein der Name verrät schon, dass sie vermutlich steinreich war“, macht Held deutlich. „Stein war wertvolleres Baumaterial als Holz.“ Belege gibt es auch zu Mechthild von Sponheim und Johanna von Mömpelgard (untere Burg, also Waldhornturm). „Beide haben Besigheim als Wittwensitz genutzt. Im Stadtarchiv gibt es die Bestätigung ihrer Privilegien. „Aus dem 19. Jahrhundert haben wir meines Wissens nach keine politisch aktiven Frauen, aber Christine Rosine Hauser, verheiratete Frick, hat das Lutherbildnis auf der Empore gestiftet.“ Früher hing es in der Kirche vorne rechts, wo es auf die Kanzel hochging. Heute ist es auf der linken Seite, weil 1966 umgebaut wurde.

„Im 20. Jahrhundert kam im dritten Anlauf mit Maria Nachtigall endlich eine Frau in den Stadtrat – und nur als Nachrückerin“, nennt Katrin Held eine der bedeutendsten Besigheimerinnen. Und weiter Luise Richter, von der momentan auch Bilder in der Bietigheimer Stadtgalerie zu sehen sind, wurde als Luise Kälble in Besigheim geboren. Sie zählt zu den wichtigsten Künstlerinnen Lateinamerikas. „Da hat sie sich schon in den 1960er-Jahren in einer eher von Männern dominierten Welt einen Namen gemacht. Bei der Biennale in Venedig hat sie ihre Wahlheimat Venezuela repräsentiert. Sie war intellektuell und hat sich viel mit Philosophie auseinandergesetzt“, erklärt Katrin Held und nennt eine weitere starke Frau in Besigheim: „Heide Kast, erste Pfarrerin der evangelischen Landeskirche, hat ihr Vikariat in Besigheim absolviert. Sie war geschätzt und respektiert.“ Auch Anneliese Stelzig gehört zu den ungewöhnlichen Besigheimerinnen. „Sie konnte in der unmittelbaren Nachkriegszeit den Lebensunterhalt für die Künstlerfamilie bestreiten, weil sie gelernte Schneiderin war und das Atelier ihrer Mutter übernahm. Sie war auch sehr geschäftstüchtig und vermittelte diverse Aufträge an ihren Mann“, erzählt sie.

 Auch Olga Duschek ist eine Frau, die besonderes geleistet hat. Sie hat nämlich eine ergiebige Chronik über Besigheim in den Jahren 1945 bis 1960 verfasst. Sie war Lehrerin, Tochter des Oberlehrers Julius Kullen und trug sogar Reformkleider. „Sie hat sich den Luxus geleistet, den Mann zu heiraten, den sie haben wollte: Als Richard Duschek nach Besigheim kam war er bereits verheiratet und hatte einen Sohn. Außerdem war er katholisch. Olga war sehr lange mit ihm verlobt bis er endlich geschieden war, erzählt die Gästeführerin.

Tafel zum 100. Geburtstag

Politisch gesehen war Maria Nachtigall wohl am interessantesten und am wichtigsten. „Sie musste als ganz junges Mädchen von der Schule abgehen und in der Fabrik arbeiten, weil der Stiefvater das so wollte. Lehrer und Pfarrer waren dagegen aber er hatte das Sagen. Sie war später in der SPD und hat sich immer für die Sache der Schwächeren eingesetzt und solidarisch angepackt, wo Not am Mann war. Auch die Schulspeisung wurde ihr anvertraut. Sie war zuverlässig und kompetent. An ihrem Haus in der Vorstadt 3 wurde zu ihrem 100. Geburtstag eine Tafel angebracht. Maria Nachtigall war einfach eine sehr selbstlose Frau, obwohl sie nierenkrank war und bis zur Erschöpfung gearbeitet hat“, recherchierte Held.

Maria Nachtigall stand mit ihren zwei Kindern allein da, nachdem ihr Mann genau so wie ihr Vater im Krieg gefallen war. Der Vater im Ersten Weltkrieg, der Mann im Zweiten Weltkrieg.

In der Führung von Kathrin Held finden auch Frauen wie Margit Stäbler-Nikolaj ihren Platz, die politisch viel bewegt. „Sie hat im Wartesaal ganz viel angeschuckt. Auch dort sind heute viele Frauen aktiv“, berichtet die Gästeführerin

„Nach Maria Nachtigall sind ja viele weiteren Frauen in den Stadtrat gewählt worden. Das Verhältnis stimmt aber immer noch nicht. Viele Frauen wählen heute immer noch Männer ohne zu bedenken, dass die ihre Interessen vielleicht gar nicht richtig vertreten. Ich bin Demokratin und schätze die Freiheit und die Rechte, die von unseren Vorgängerinnen erkämpft wurden“, macht sie deutlich und erklärt damit, warum ihre Themenführung ein Beitrag wider das Vergessen wichtiger Besigheimer Frauen ist.

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