Viktor Stephan Essich war ein tüchtiger Beamter und er war ein rücksichtsloser Raffzahn. So jedenfalls sieht ihn der Besigheimer Gästeführer Ewald Anger. Als er sich auf seine Tätigkeit als Gästeführer vorbereitete, war ihm deshalb auf der Stelle klar: „Wenn ich jemals eine Kostümführung machen sollte, dann wird es der Essich sein“, erzählt er im Gespräch mit der BZ. Die „absolut zeitlosen politischen Ränkespiele und Intrigen zwischen Essich und seinen Widersachern, die auch keine Waisenknaben waren“, sind für ihn auch heute noch interessant.

Ein Aufsatz von Kreisarchivar Thomas Schulz und der heutigen Stadtarchivarin Sandy Krüger aus dem Jahr 2007 lieferte ihm die nötigen Informationen über Essich, der im Jahr 1733 im Alter von 24 Jahren als Vogt  in Besigheim antrat, 1756 nach diversen Betrügereien seines Amtes enthoben wurde, aber schon drei Jahre später im Jahr 1762 wieder als Oberamtmann in der Stadt eingesetzt wird. Offensichtlich skrupellos, hochintelligent, als Mitglied der ehrbaren Gesellschaft bestens vernetzt, eignet er sich Immobilien an, lässt sich bestechen, plündert öffentliche Kassen und drängt Gegner aus dem Amt und aus der Stadt. Ungeliebt ist er, ja verhasst, streitlustig, dabei aber wohlhabend. Seine Strategien und seine Taktik sind „bis heute nicht aus der Mode gekommen“, sagt Anger, warum ihn die Geschichte des korrupten Beamten fasziniert. Zur Strafe, so besagt die Sage, soll er als Geist in seinem Wohnhaus herumgehen, in dem heute die Förderschule untergebracht ist.

Je nach der Zusammensetzung seiner Gäste hat Anger zwei Versionen seiner Führung entwickelt. Die erste ist für Besucher von außerhalb gedacht. In seinem roten Rock und schwarzem  Dreispitz erzählt Anger als Vogt bei einem historischen Stadtrundgang „Histörchen“ aus dem Leben Essichs. Die Besigheimer Stadtgeschichte „begeistert mich schon immer“, sagt Anger, „und der Essich ist halt nur ein kleiner Teil davon“.

Die zweite Version ist viel komplexer. Anger weiß, wo Vogtei und geistliche Verwaltung von Besigheim im 18. Jahrhundert ihren Sitz hatten, er konnte die Wohnhäuser wichtiger Zeitgenossen lokalisieren und hat daraus eine chronologische Führung anhand der Vita Essichs entwickelt. Beim Gang über Besigheim mit seinem Auf und Ab der Topographie erzählt er vom Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg des korrupten Vogts.

Alles halb so schlimm?

Die „Stimmigkeit historischer Fakten“ habe für ihn eine hohe Priorität“, sagt Anger, „trotzdem erlaube ich mir eine ganz eigene Interpretation der Persönlichkeit dieses Menschen.“ Anger stellt ihn als reuigen Sünder dar, der seit mehr als 240 Jahre als Geist weiterlebt, der nur ungern über seine Schandtaten berichtet, der freundlich und charmant ist, um sein schlechtes Image aufzubessern. So erscheinen die clever eingefädelten Betrügereien, die Machtkämpfe, die Intrigen und Frauengeschichten in einem ganz anderen Licht. Vieles sei den Umständen geschuldet, insgesamt sei es doch „alles halb so schlimm gewesen“  – sagt der Vogt.

Lange Reihe von Schandtaten


Eingehend hat sich Ewald Anger mit der historischen Person des Vogtes Viktor Stephan Essich beschäftigt. Als er 1733  mit 24 Jahren Vogt in Besigheim wurde, war das Amt klein und unbedeutend und wurde von einer offensichtlich korrupten Clique beherrscht, die Essich entmachten kann. Er zeigt sich streitlustig und mit dem Hang Geld anzunehmen. Eine Intrige seiner Gegner, die zu einer offiziellen Untersuchung führt,  übersteht er, von da an scheint er sich für unangreifbar zu halten.

In der Folge hagelt es Skandale. Essich streicht hohe Provisionen ein, lässt sich aus öffentlichen Kassen beschenken, baut Haus und Garten von „Freiwilligen“, drangsaliert den Magistrat, falls der zu widersprechen wagt und privatisiert angeblich wertlose Grundstücke, die dem Herzog gehören. Wieder folgt 1743  eine Untersuchung, die Essich übersteht, wenn er auch eine hohe Geldstrafe zahlen muss.

Erst 1756 wird der Vogt seines Amts enthoben, nachdem er Besigheim und seine Bewohner in den Vorjahren gehörig ausgeplündert hat. Das alles verschafft im einen „legendär schlechten Ruf“, wie Gästeführer Ewald Anger herausgefunden hat.

Doch schon im Jahr 1762 ist Essich wieder in Besigheim zurück, nach einer Verwaltungsreform erhält er das Amt des Oberamtmans. Ewald glaubt, dass Essich seine Rehabilitation dem „undurchdringlichen und festen Netzwerk der württembergischen Ehrbarkeit“ zu verdanken hat, einem Stand, dem Essich selbst angehörte.

Gästeführungen im Kostüm machen Ewald Anger Freude. Für 2020 arbeitet er an einer Führung zum Thema Kriminalität und Strafverfolgung von der frühen Neuzeit bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Wenn er dann wieder in eine Uniform schlüpft, „soll es die der Württembergischen Landjäger sein.“ sol