Besigheim Transgender im Männerknast

HEIKE ROMMEL 17.09.2016
Ein Transgender stand  jetzt wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte vor Gericht. Die rechtlich anerkannte Frau sitzt in einem Männergefängnis.

Es war eine skurrile Geschichte, mit der sich das Ludwigsburger Amtsgericht zu befassen hatte. Skurril nicht wegen des Vorwurfs des Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte und Beleidigungen. Sondern wegen der Person des Angeklagten, der ein Mann ist, aber eine Frau sein will, seine Tage allerdings aktuell im Männergefängnis in Stammheim verbringt.

Auslöser des Prozesses war eine polizeiliche Vorführung zu einer anderen Gerichtsverhandlung an das Besigheimer Amtsgericht, bei der sich der als Frau  bereits rechtlich anerkannte Angeklagte gewehrt haben soll.  Die Angeklagte, seit langem wegen der Geschlechtsumwandlung bei Fachärzten in Behandlung, war am 9. Mai dieses Jahres in einer Obdachlosenunterkunft in Ludwigsburg untergebracht, als die Polizei an ihre Tür klopfte. Als die 36-Jährige öffnete, war sie nur mit einem Handtuch bedeckt, da sie gerade aus der Dusche kam. Vor Gericht wurde ihr vorgeworfen, die Polizei daran gehindert zu haben, ihr Handschließen anzulegen und die Beamten als „Nazis und Hurensöhne“ bezeichnet zu haben.

Die Polizeibeamten, sagte die Angeklagte von eher zarter Gestalt, hätten sie bei der Festnahme so grob behandelt, an die Wand gestellt und zu Boden gebracht, dass sie vor lauter Angst in die Hose gemacht habe. Das bestätigte einer der Polizeibeamten als Zeuge. Er und seine zwei Kollgen hätten „alle was abgekriegt“. Unsicher, ob es sich beim Angeklagten um einen Mann oder eine Frau handelt, hätten sie eine weibliche Kollegin mitgenommen, über welche die Angeklagte aber sagte, diese habe nur zugeschaut.

Bestimmt zehn Leute, führte die Angeklagte weiter aus, hätten gesehen, wie sie von der Polizei über den Hof geschleift worden sei. Dabei habe sie nicht einmal eine Hose angehabt. Das Handtuch soll sie allerdings selbst mit einem Hüftschwung abgeworfen haben, so die Beamten. Auch die Sache mit der Hose schilderte ein Polizist ganz anders. Obgleich das Kleidungsstück extra noch geholt worden sei, habe die Angeklagte erst im Auto die Hose endlich anziehen wollen. Vorher habe noch eine Unterlage auf den Sitz gelegt werden müssen, damit das Dienstfahrzeug nicht schmutzig wird.

Die Beamten führten auch aus, sie hätten der Angeklagten gesagt, dass sie Gewalt anwenden müssten, wenn sie nicht mit zum Besigheimer Amtsgericht komme. Sie könnten bei Obdachlosen auch nicht wissen, was alles in den Ein-Zimmer-Wohnungen herum liegt, wie zum Beispiel Küchenmesser, und müssten schon aus Gründen des Selbstschutzes präventiv vorgehen.

Nicht nur das Männergefängnis in Stammheim, auch das Frauengefängnis in Schwäbisch Gmünd hatte  der Transgender schon von innen gesehen, als er aus Stammheim zum Ludwigsburger Amtsgericht gebracht wurde. Im Januar dieses Jahres hatte es nach einem schweren räuberischen Diebstahl nämlich sechs Monate auf Bewährung gegeben und einen Widerruf der Bewährung gesetzt, weil die Auflagen nicht erfüllt wurden. Dazu erklärte die Angeklagte, das Jobcenter habe ihr damals „den Geldhahn abgedreht“, also habe sie ja „lange Finger machen müssen“. Denn die Eltern seien seit Jahren nicht mehr erreichbar für sie.

Erster Staatsanwalt Andreas Henrich stellte bei einem Blick in die Akte fest, dass der Transgender, der unbedingt aus der „Hölle“ in der Ludwigsburger Obdachlosenunterkunft raus will, als solcher noch fünf Monate im Männerknast in Stammheim durchhalten muss.  Solche Zukunftsaussichten gaben ihm und Strafrichter Dr. Florian Bollacher Anlass, das Ludwigsburger Verfahren im Hinblick auf das sowieso schon verhängte halbe Jahr Gefängnis einzustellen.