In der letzten Woche meldete sich eine Anwohnerin im Besigheimer Gemeinderat zu Wort, die den Gastronomen nach ihrer Postkarten-Werbeaktion Stimmungsmache vorwarf. Die Wirte suchen mit der Aktion Unterstützung für ihr Anliegen zu einer Zeit, in der eine halbstündige Verlängerung in den Sommermonaten getestet werden soll. In Besigheim galt bis zum letzten Jahr 22 Uhr als Beginn der Sperrzeit bei der Außenbewirtschaftung. Bei einem Pressegespräch im Hotel am Markt machten die Gastronomen deutlich, dass sie nicht mehr wollen als etwa in Bietigheim oder Bönnigheim erlaubt ist, wo es bis 23 Uhr geht.

Mit der „Probezeit“ habe sich einiges geändert, sagt Frank Land, der für die neue WIR-Fraktion in den Gemeinderat gewählt wurde. „Die letzten Jahre konnten wir bis 23 Uhr draußen bewirten, das war nie ein Problem“, so der Wirt der „Marktwirtschaft“. Seit 22 Jahren betreibt Michael Klingler das „Ratsstüble“, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat. „Es hat funktioniert“, so der Gastronom, aber seit der Beschluss da sei, gelte nun strikt 22.30 Uhr. Nun müsse man sich hinter die Gäste stellen und sagen „Ihr müsst jetzt gehen“, beklagt er die neue Lage.

Vor der Sperrzeit seien nur noch wenige Gäste da, die auch nicht laut seien, unterstreicht Land. Inzwischen werde aber von einzelnen Nachbarn mutwillig die Polizei gerufen, auch Tische und Stühle seien schon umgeworfen worden. Auch seien schon Anwohner gekommen und hätten Gäste um 22 Uhr aufgefordert zu gehen. „Zuerst will man Touristen, und jetzt wird alles zurück gestellt“, beklagt der Wirt der „Marktwirtschaft“.

Dass sich in Besigheims Altstadt vieles nach wenigen Anwohnern richtet, findet Michael Klingler. Vor Jahren wurden nachts die Glocke auf dem Rathaus und der Brunnen am Marktplatz abgestellt, weil sie aus Sicht einiger Anwohner zu laut waren. Er erinnert sich an früher, als all das noch normal war und akzeptiert wurde. Heute werde mehr diskutiert und Einzelinteressen würden stärker berücksichtigt.

Dass in Besigheim nicht geht, was in Bietigheim und Bönnigheim erlaubt ist, will Land nicht einleuchten. Man wolle nicht die Gäste unfreundlich hinauswerfen müssen und auch Besuchern von Veranstaltungen wie in der Alten Kelter noch die Möglichkeit geben, draußen etwas zu trinken. „Die Altstadt lebt von der Gastronomie“, ist er überzeugt, aber als Gastronom sei man hier immer mit einem Fuß in der Illegalität. Aus diesem Grund hat er sich entschlossen, seine Postkarten-Aktion zu starten, die inzwischen 400 Rückmeldungen verzeichnet. Im Herbst sollen die Zahlen ausgewertet und veröffentlicht werden.

Manche Gastronomen wollen ihr Angebot einschränken, wenn es bei diesen Rahmenbedingungen bleibt. Philipp Leibrecht vom Hotel am Markt will keine Hochzeiten mehr anbieten, wie er im Gespräch sagt, sein Außencafé war im August geschlossen. Frank Land überlegt, seine Musikreihe im Freien im nächsten Jahr einzustellen. Das Problem sei, dass diejenigen Recht bekommen wrürden, die am lautesten schreien, so sein Eindruck.

Aus diesem Grund findet er eine Befragung der Altstadtbewohner gut, die Bürgermeister Steffen Bühler in Aussicht stellt. Die wenigen kritischen Anwohner „spiegeln nicht die Mehrheit wider“, ist Land überzeugt, der sich einen Runden Tisch mit Verwaltung, Gemeinderäten und Anwohnern wünscht.

Steffen Bühler verzeichnete in der letzten Zeit mehr Mails zum Thema, die bei der Verwaltung ankamen, gleichzeitig gebe es kaum mehr Anrufe beim Ordnungsamt. Man wolle dieses Thema noch im alten Jahr diskutieren, ansonsten gleich im Januar 2020, erklärt Bühler auf Anfrage der BZ. „Wir wollen, dem Beschluss des Gemeinderates entsprechend, nach dem Testversuch die Polizei um Stellungnahme bitten, das Ordnungsamt und das Landratsamt und diese Daten dann dem Gemeinderat vorlegen“, so der Rathauschef.

Daneben plane die Stadt, die Bewohner der Innenstadt (Kirch-, Hauptstraße, eventuell Entengasse) über einen Fragebogen der Stadt um ihre Meinung bitten. „Nicht alle schreiben Mails, nicht alle kommen zur Bürgerfragestunde. Wir halten es aber für wichtig, dass wir die Bürger in der Innenstadt auch befragen und ihnen die Gelegenheit geben, sich zu dem Thema zu äußern. Danach wollen wir dann die Unterlagen dem Gemeinderat vorlegen“, so Bühler. Die Meinungen von Tagesgästen und Touristen würden auch berücksichtigt, wenn die Ergebnisse der Postkarten-Aktion an den Gemeinderat gehen.