NS-Verbrechen Spaziergang zu den Spuren Ermordeter

Besigheim / Roland Willeke 29.01.2018

Lange haben es sich Margit Stäbler-Nicolai, freischaffende Künstlerin aus Ottmarsheim, und Sandy Krüger, die Besigheimer Stadtarchivarin, überlegt, ob sie ihren für den Samstag geplanten Rundgang zu den Besigheimer Stolpersteinen tatsächlich „Spaziergang“ nennen sollten. Aber eine andere Bezeichnung ließ sich nicht finden, und schließlich musste das Kind halt einen Namen haben.

Leichter taten sich die beiden Initiatorinnen mit dem Datum, dem 27. Januar. An diesem Tag, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, wurde vor 73 Jahren das NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von der Roten Armee befreit. In Deutschland gedenkt man an diesem Tag aller Opfer des Nationalsozialismus und damit auch der Opfer der so genannten T4-Aktion.

T4 ist eigentlich ein Kürzel für eine Adresse in Berlin und wurde nach dem Krieg zum Synonym für die Ermordung tausender Behinderter und Kranker im Rahmen der von den Nazis systematisch betriebenen Vernichtung des in ihren Augen „unwerten Lebens“, beschönigend als Euthanasie, „schöner Tod“, bezeichnet. In der Tiergartenstraße 4 wurde das Mordtreiben ausgeheckt und organisiert. Fast 200 000 Menschen fielen ihm zum Opfer. In der Tötungsanstalt Grafeneck kamen auf diese Weise innerhalb eines knappen Jahres mehr als 10 000 Menschen ums Leben.

Seit 1996 verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig vor den letzten freiwillig gewählten Wohnsitzen ermordeter Juden, Zigeuner, politisch Verfolgter, Homosexueller, Zeugen Jehovas und von Euthanasieopfern so genannte Stolpersteine mit einigen wenigen Lebensdaten der Opfer, um die Erinnerung an die Schrecken des Nationalsozialismus lebendig zu halten. Inzwischen sind es mehr als 60 000 Gedenksteine, die Demnig verlegt hat.

Der Initiative und Forschungsarbeit von Margit Stäbler-Nicolai ist es zu verdanken, dass auch in Besigheim sieben Stolpersteine ins Straßenpflaster eingelassen werden konnten. Über einen weiteren Stolperstein wird gerade verhandelt. Sie alle betreffen Euthanasieopfer. Hinweise auf andere Opfer gaben die Archive bisher nicht her, so Margit Stäbler-Nicolai. Das Fehlen jüdischer Opfer führt Archivarin Sandy Krüger darauf zurück, dass es keine Juden in der Stadt gegeben haben wird – eine späte Folge des württembergischen Judenprivilegs von 1521, das Juden bis ins 19. Jahrhundert die Ansiedlung in Württemberg verbot.

Die Besigheimer Stolpersteine befinden sich in der Aiperturmstraße (Marie Schlienz), in der Hauptstraße vor dem Haus Brixner (Heinrich Bauer), in der Vorstadt (Friederike Müller, Alfred Händel, Friedericke Zehender), an der Enzbrücke, wo einst das Gasthaus Sonne stand (Anna Maria Difliff) und in der Bahnhofstraße (Rupprecht Villinger). Sie alle wurden 1940 in Grafeneck vergast.

Nach heutigen Maßstäben wird die Einweisung in eine Irrenanstalt nicht in allen Fällen gerechtfertigt gewesen sein. So liegt bei Friederike Müller der Verdacht nahe, dass man die 1927 arbeitslos gewordene und im Umgang wohl nicht einfache Näherin ­– sie soll ihre Nachbarn ständig mit Ausdrücken belegt haben – einfach los werden wollte. Unter tätiger Mithilfe der damaligen Obrigkeit in Gestalt des Stadtschultheißen Emil Hayer wurde ihr Elternhaus nach dem Tod ihrer Mutter über ihren Kopf hinweg verkauft, und sie wurde in die damalige Landarmenanstalt Rabenhof bei Ellwangen eingewiesen.

Dass selbst Unterstützer des Systems ihre Angehörigen nicht retten konnten, zeigt der Fall Rupprecht Villinger, dessen Vater Medizinalrat Dr. Eberhard Villinger als Oberamtsarzt und Leiter des Gesundheitsamtes zahlreiche Zwangssterilisationen Behinderter verfügte. Er musste ­– böse Ironie des Schicksals – anlässlich eines geplanten Besuches von Verwandten bei seinem seit 1933 in der Anstalt Schussenried lebenden Sohn erfahren, dass Rupprecht wenige Tage zuvor ins Brandenburgische verlegt worden sei.

Von dort kam einige Wochen später die offizielle, aber gefälschte Todesnachricht. In Wirklichkeit war Rupprecht schon am Tag seiner angeblichen Verlegung in Grafeneck ermordet worden.

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