SCHÜLER Schule im Staat: "Warum fragt uns keiner"

Daniel Christen, Staatspräsídent (links), und Oliver Herbst vom Organisationsteam der Vereinigten Staaten von Schrempflingen zählen die Besis.
Daniel Christen, Staatspräsídent (links), und Oliver Herbst vom Organisationsteam der Vereinigten Staaten von Schrempflingen zählen die Besis. © Foto: Werner Kuhnle
Besigheim / GABRIELE SZCZEGULSKI 21.07.2016
Vor zwei Jahren hatten Daniel Christen und Oliver Herbst (beide 17), Schüler am Besigheimer Gymnasium die Idee zur „Schule im Staat“. Sie erzählen, welche Interessen sie an Politik haben.

Was ist die Idee der Schule im Staat?

DANIEL CHRISTEN: Im vereinfachten Kleinen wollen wir Politik gestalten.

OLIVER HERBST: Nach unseren Vorstellungen, nach deutschem Vorbild, nur besser. Wir wollen ein guter Staat sein.

Was heißt das?

HERBST: Wir haben eine besondere Wertevorstellung, die sich in unserer Verfassung niederschlägt, an zweiter Stelle steht da, dass niemand diskriminiert werden darf, alle sind gleich, auch Lehrer und Schüler.

Haben alle Schüler freiwillig mitgemacht?

CHRISTEN: Wir mussten schon motivieren, aber letztendlich waren alle interessiert daran, ihre Interessen vertreten zu lassen, aus jeder Klassenstufe hat sich eine Partei um den Einzug ins Parlament beworben.

Gibt es die vielfach beklagte Politikverdrossenheit der Jugendlichen am Christoph-Schrempf-Gymnasium nicht?

CHRISTEN: Da würde ich ganz klar Nein sagen, aber Faulheit gibt es. Und man muss mit den Leuten reden, das motiviert. Und genau das ist unsere Strategie in Schrempfingen. Wir wollen reden, das Parlament darf jeder besuchen, Fragen stellen. In der richtigen Politik ist es doch so, uns fragt doch keiner.

Wollen Sie mehr gefragt werden?

CHRISTEN: Ja, auf jeden Fall, wenn es um unsere Belange geht. Beispielsweise, wenn es um Anschaffungen für die Schule im Gemeinderat geht. Wir Schulsprecher werden zwar einmal im Jahr in den Gemeinderat eingeladen, wenn der Schuletat vorgestellt wird, befragt werden wir aber nicht dazu.

Das klingt nach dem Wunsch nach einem Jugendgemeinderat. Oder was wäre Ihr Vorschlag?

CHRISTEN: Ich glaube nicht, dass ein Jugendgemeinderat funktioniert. Aber eine Art gewählter Schüler-Berater, der immer dann im Gemeinderat befragt wird, wenn es um die Schulen geht. Und der vorher bei den Schülern nachfragt, was dort der Bedarf ist.

HERBST: Deshalb sind wir so gespannt, was bei dem Gespräch am kommenden Freitag mit dem Staatssekretär aus dem Kultusministerium, Volker Schebesta, rauskommt.

Was sind das für Fragen, die euch schulpolitisch beschäftigen?

CHRISTEN: Sportnoten – Woher kommen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern? Wir sind stolz darauf, dass in unserem Staat Frauen und Männer gleich sind. Warum lernen wir Dinge, die wir wirklich nicht mehr brauchen? Ist das Fach Religion überhaupt noch zeitgemäß und sinnvoll? Warum gibt es keine  Qualitätssicherung oder Noten bei Lehrern? Ist es denkbar, die Wahlmöglichkeiten für Schüler auszubauen? Was wird aus der Schule in der Zukunft? Und warum will niemand wissen, wie wir sie uns vorstellen?

Was würde das Parlament von Schrempfingen tun, wenn Flüchtlinge vor der Türe stehen würden?

CHRISTEN: Wir würden sie herein bitten, ihnen Kaffee und Kuchen anbieten, fragen, ob sie Unterschlupf brauchen und dann im Parlament entscheiden, wie wir sie unterstützen können. Vorher ließen wir sie nicht weg. Aber sie müssten mitarbeiten, unsere Verfassung anerkennen und unseren Gleichheitsgrundsatz. Im Übrigen haben wir die Besigheimer Flüchtlinge zu unseren Staatstagen eingeladen.

Ist in Schrempfingen ein Putsch möglich?

HERBST: Theoretisch ja. Aber unsere Gesetze geben uns vor, wie wir damit umgehen. Aber wir glauben, dazu kommt es nicht, da wir versuchen, auf jede Gruppierung einzugehen. Wir wissen, dass es Petitionen geben wird und eventuell Demonstrationen. Sollte ein Putschversuch unternommen werden, werden wir den Notstand ausrufen. Wir haben das alles detailliert in unserem Gesetz verankert. Im Falle eines Notstands greift das Organisationsteam ein und bespricht mit der Schulleitung und dem Parlament das weitere Vorgehen. Das Organisationsteam kann bis zu 24 Stunden lang die Staatsführung übernehmen.

Sie haben sich gut vorbereitet.

CHRISTEN: Ja, wir haben anhand des tatsächlichen politischen Zeitgeschehens überlegt und uns vorbereitet. Keiner hat so viel Macht, die er missbrauchen könnte. Das war ein großer Lerneffekt und hat viele dazu gebracht, sich mit Politik zu beschäftigen. Deswegen ist es auch wichtig, dass Politiker uns besuchen.

Fühlen Sie sich ernst genommen von den Erwachsenen?

HERBST: Ich habe manchmal das Gefühl, die denken, wir wollen nur chillen. Ja, das auch, aber wir machen uns auch unsere Gedanken über das Zeitgeschehen oder unsere Schule. Durch das in Schrempfingen erwirtschaftete Geld wollen wir beispielsweise einen Wasserspender kaufen oder eine Mikrowelle, also für die Gemeinschaft. Es ist schon traurig, wenn viele Eltern von Schülern, die an den Staatstagen teilnehmen, kein Interesse an einem Besuch haben, wie wir gehört haben. Die denken, das ist halt irgend so ein Spiel, nehmen die Interessen ihrer Kinder nicht ernst. Ja, das Ganze soll auch Spaß machen. Aber die Schüler arbeiten seit Monaten, bauen Betriebe auf, informieren sich, erfinden Sachen, organisieren die extremsten Dinge, lesen über Finanzen, Wirtschaft. Sie engagieren sich und lernen Dinge über Staat und Gesellschaft, die sie im Unterricht nie lernen würden. Und zwar in der Freizeit. Und dann bleiben die Eltern lieber zu Hause als sich anzuschauen, was ihr Kind macht.

Die Vereinigten Staaten von Schrempfingen

Idee Daniel Christen ist die nächsten Tage der Staatspräsident der Vereinigten Staaten von Schrempfingen. Vor anderthalb Jahren hatte Christen die Idee,  die Schule im Staat im Besigheimer Gymnasium zu verwirklichen. Schüler, Lehrer und auch die Schulleitung waren schnell angetan. Ein Organisationsteam wurde gebildet, das das ambitionierte Projekt von Donnerstag, 21., bis Samstag, 23. Juli, in die Tat umsetzt.

Staatsbürger 570 Schüler haben seit Dienstag einen neuen Pass. Sie sind Bürger von Schrempfingen. Geld gibt es auch, sogar fälschungssicher, schließlich ist es eine echte Währung: ein Euro ist zehn Besi wert.

Staatsgäste Sogar Staatsgäste werden empfangen, wie  Landrat Rainer Haas, die Bürgermeister Monika Chef (Gemmrigheim),  Steffen Bühler (Besigheim), Albrecht Dautel (Walheim)  und Alexander Fleig (Freudental), die Landtagsabgeordneten Daniel Renkonen (Grüne) und Fabian Gramling (CDU) und als Höhepunkt gibt es am Freitag, neun bis 10.30 Uhr, eine Diskussion mit Volker Schebesta, Staatssekretär im Kulturministerium.

Besucher Die Vereinigten Staaten von Schrempfingen sind  für Besucher geöffnet am Donnerstag und Freitag, acht bis 16 Uhr, Samstag, zehn bis 17 Uhr. Beim Betreten des Staatsgebiets wird um Umtausch von fünf Euro in die Währung Besi gebeten. Beim Rücktausch wird eine Gebühr von 20 Prozent erhoben.

www.vss.csgb.de

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel