Besigheim / Michael Soltys

Die Frostnächte vom April 2017 stecken den Wengertern der Region immer noch in den Knochen. Einen so großen Schaden in den Weinbergen möchten sie nicht noch einmal erleben, wenn er auch später durch finanzielle Zuschüsse des Landes gemildert wurde. Doch sie müssen sich darauf einstellen. Denn aller Voraussicht nach werden sich die letzten Frosttage des Frühlings in den nächsten Jahren und Jahrzehnten immer weiter in den Mai hinein schieben. Das ist eine Konsequenz aus dem Klimawandel, mit dem sich die Mitglieder des württembergischen Weinbauverbandes bei ihrer Versammlung am Dienstag in der Besigheimer Kelter beschäftigten. Auch in diesem Jahr dürfte die Frostgefahr erst  Mitte Mai vorüber sein, fürchtet Weinbaupräsident Hermann Hohl. Bisher aber sind die Schäden gering.

Frost bedroht Knospen

Das Gefährliche am Frühjahrsfrost: Der Austrieb der Knospen am Weinstock setzt immer früher ein. Seit Ende der 40er-Jahre hat er sich um etwa 14 Tage  verschoben. Das zeigen langjährige Beobachtungen, wie Dietmar Rupp von der Weinbauschule in Weinsberg darlegte. Der Frost vernichtet die Knospen und bedroht damit einen großen Teil der Ernte. Die Beobachtungen zeigen auch, dass die Blüte etwa eine Woche früher einsetzt und die Trauben ein bis zwei Wochen früher reif sind.

Klimaexperten rechnen damit, dass sich der allgemeine Temperaturanstieg fortsetzt, machte Meteorologe Malte Neuper deutlich. Schon seit etwa 1950 häufen sich die Hitzewellen, ein heißer und trockener Sommer wie im Jahr 2018 dürfte bald nicht mehr außergewöhnlich sein. Das bedeutet allerdings nicht, dass es weniger Niederschläge gibt. Vielmehr ist mit einer Häufung von Starkregen zu rechnen, mit mehr Gewittern und auch mit häufigem und stärkerem Hagel, neben dem Frost eine der ärgsten Bedrohungen im Weinberg.

Frost, Dürreperioden, Starkregen, Hagel: Für den Weinbauverband ist dies Anlass genug, gemeinsam mit der Landespolitik nach Möglichkeiten eines Risikomanagements zu suchen. Präsident Hermann Hohl schwebt eine Versicherungslösung für die Wengerter vor, um die Folgen der Wetterkapriolen zu meistern. Zuversicht schöpfe er aus verschiedenen Aussagen von Landwirtschaftsminister Peter Hauk, dieses Vorhaben unterstützen zu wollen.

Doch welche Chancen und Risiken ergeben sich aus dem Klimawandel für die Weinerzeugung? Da ist zum einen der Anbau hochwertiger internationaler roter Sorten wie Cabernet Sauvignon oder Syrah. Dass sie in Württemberg einmal gedeihen, „hätte uns vor 30 Jahren niemand erzählen können“, sagte Dietmar Rupp. Auch insgesamt könne die Qualität gesteigert werden. Das zeige der kontinuierliche Anstieg der Mostgewichte in den letzten Jahrzehnten.

Die Risiken sieht Weinbau-Experte Rupp im Verlust des typischen Geschmacksbildes, vor allem der Weißweine. Jahrgänge wie sie im Supersommer des Jahres 2003 entstanden sind, zeichnen sich durch einen zu hohen Alkoholgehalt und einen Mangel an Säure aus. Das andere Extrem war im Jahr 2006 zu beobachten: Ist es im Spätsommer warm und feucht, droht häufiger Fäulnis, wenn die Trauben dann schon reif sind.

Eine weitere Folge des Klimawandels ist möglicherweise die Verschiebung der Anbauzonen. Ist es in tiefen Lagen zu warm, könnte man in die Höhe gehen. Vielleicht gibt es ja bald schon Wein von der Schwäbischen Alb, mutmaßte Rupp.