Die Notare und ihre Mitarbeiter werden sich noch etwas gedulden müssen. Seit einer Reform sind sie Teil des Amtsgerichts in Besigheim. Weil der Platz fehlt, sind sie seit Februar 2018 provisorisch in einem Container-Gebäude im Talweg untergebracht. Auf zwei Jahre war diese Notlösung von Anfang an befristet. Anfang 2020 dürfte sie beendet werden. Dann ist ihr Domizil fertig saniert: das frühere Oberamteigebäude in der Schlossgasse. Damit verzögert sich der Umzug, der ursprünglich für Ende diesen Jahres geplant war, um einige Monate.

Seit November 2017 sind die Baufirmen damit beschäftigt, das hohe Gebäude an der Stadtmauer auf der Neckarseite soweit zu sanieren, dass dort moderne Arbeitsräume für die vier Notare in Besigheim und ihre Mitarbeiter entstehen. Auch drei Zivilrichter mit ihren Mitarbeitern, die bisher noch in der Außenstelle des Amtsgerichts ihre Arbeit tun, werden dann in das Oberamteigebäude umziehen, bestätigte Volker Bissmaier, der Direktor des Amtsgerichts, gegenüber der BZ.

Ungünstige Ausschreibung

4,1 Millionen Euro nimmt das Land als Besitzer des 1908 errichteten Gebäudes in die Hand, um es von Grund auf zu sanieren. Das zumindest war der Stand der Dinge zu Beginn der Arbeiten. Mittlerweile schält sich heraus, dass die Kosten um rund 600 000 Euro steigen werden. Die Ursachen sieht das Staatliche Amt für Vermögen und Bau Baden-Württemberg mit Sitz in Ludwigsburg in der überhitzten Baukonjunktur, die zu ungünstigen Ausschreibungsergebnissen geführt habe.

Auf einer Nutzfläche von etwa 1600 Quadratmetern entstehen im Inneren moderne Büroräume. Ein neuer Sitzungssaal für Zivilprozesse und Verhandlungen über Unfälle und Mietrechtsangelegenheit entsteht ebenfalls. Auch die Gebäudetechnik wird auf den Stand der Technik gebracht, so dass ein energetisch optimierter Gebäudebetrieb gewährleistet ist, erläutert Corinna Bosch, die Leiterin des Vermögensamtes: Die Heizung wird erneuert, der Dachraum gedämmt und neue Elektrotrassen verlegt.

Außentreppe und Aufzug

Die nach außen sichtbarste Veränderung sind ein Aufzug, der es ermöglicht, sämtliche Stockwerke barrierefrei zu erreichen, und eine Treppe, die als Fluchtweg dienen soll. Der Brandschutz wird entscheidend verbessert, eine zweite Fluchttreppe führt in den Innenhof. Dach und Außenputz des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes wurden bereits zu großen Teilen gereinigt und repariert, so Bosch. Es folgen noch die Reinigung der Natursteinfassade im Sockel sowie die Verfestigung des Außenputzes am Nord-West-Giebel. Im Moment läuft auch der Innenausbau.

Von 1810 bis 1938 war Besigheim Zentrum eines Landkreises


Der mehrgeschossige Bau des früheren Oberamts prägt die Ansicht Besigheims von der Neckarseite her. Das Gebäude, das im Jahr 1908 an Stelle des „Alten Schlosses“ errichtet wurde, verweist auf die Bedeutung Besigheims als Verwaltungszentrum, als Oberamt, so der damalige Begriff, im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Das Besigheimer Oberamt war eines von insgesamt 65 Oberämtern, die vom württembergischen König Friedrich I. nach seiner Thronbesteigung im Januar 1806 gegründet wurden, um die Verwaltung neu zu ordnen. Besigheim wurde 1810 ein Verwaltungszentrum, das in seiner damaligen Funktion mit dem heutigen Ludwigsburg als Sitz des Landratsamtes vergleichbar ist. Der in Besigheim residierende Oberamtmann hatte nach Informationen des Besigheimer Geschichtsvereins im Vergleich zum heutigen Landrat zunächst aber noch eine große Machtfüllle, er war Militärbefehlshaber, Gerichtsvorsitzender und Finanzbeamter in einer Person. 1822 kam noch der Sitz des Amtsgerichts nach Besigheim, das bis heute in der Amtsgerichtsgasse angesiedelt ist und jetzt mit den Notariatsmitarbeitern neue Funktionen hinzugewinnt.

Zum „Oberamt Besigheim“ gehörten die vier Städte Besigheim, Bietigheim, Bönnigheim und Lauffen, die vier Marktflecken Freudental, Großingersheim, Ilsfeld und Kirchheim und die zehn Dörfer Erligheim, Gemmrigheim, Hessigheim, Hofen, Hohenstein, Kleiningersheim, Löchgau, Metterzimmern, Schozach, Walheim und der Weiler Wüstenhausen nordöstlich vom Ilsfeld. 1811 kam noch „Kaltenwesten“ hinzu, das seit 1884 „Neckarwestheim“ genannt wird.
Unter den Nationalsozialisten wurden die württembergischen Oberämter aufgelöst und neue Landkreise gebildet. Der Großteil des Oberamtes Besigheim wurde 1938 dem Landkreis Ludwigsburg zugeschlagen. Die alte Gemeinde-Struktur des Oberamts lebt aber noch im evangelischen Dekanat fort, das seinen Sitz seit 1813 in Besigheim hat, nahe an der damaligen Verwaltung. Über viele Jahrzehnte jedoch verblieben Teile der Landkreisverwaltung in dem Gebäude in Besigheim. sol