Mundelsheim Routine für die Schnurspanner

Susanne Yvette Walter 27.08.2018

In Mundelsheim haben die Drahtzieher und Schnurspanner zwar längst Routine bei der Ausrichtung ihres Traditionsfests im Sommer, der Sichelhenket. Ein Ereignis, für das der Ort alle Kräfte bündelt, bleibt die Sichelhenket trotzdem. Wie der Name verrät, geht das Mundelsheimer Gassenfest auf einen alten Brauch aus der Landwirtschaft zurück. Heute wird die Sichel symbolisch aufgehängt und schaut zu, wie Hunderte von Besucher durch die Ständelandschaft bummeln und sich kulinarisch verwöhnen lassen mit herzhaften schwäbischen Speisen teils aus Großmutters Zeit und leckeren Weinen.

Ernteseil zwischen Häusern

Die malerische Ortsmitte von Mundelsheim mit ihrem fachwerkgeprägten Charme aus vergangenen Zeiten wird alle zwei Jahre im Wechsel mit dem Mundelsheimer Weindorf Schauplatz für ihr originelles Brauchtumsfest. Seit 1990 bündeln hier örtliche Vereine und Initiativen ihre Kraft, um die Sichelhenket auf die Beine zu stellen, die ihre Wurzeln in einer Geste aus der Landwirtschaft hat.

Zu Beginn der Ernte wurde früher ein Seil über die Straße oder den Hof gespannt, das nach getaner Erntearbeit mit Blumensträußen, Vespersäckle, Krug, Sichel und einer Erntekrone geschmückt wurde. Auch heute noch wird das sogenannte Ernteseil zwischen den Häuserzeilen aufgehängt, und während des Festbetriebes streift es so mancher Blick.

Das Knüpfen des Ernteseils war damals Handarbeit. Das ist bis heute so geblieben. Die Mannen der Feuerwehr bringen das Ernteseil in Position und das Fest kann beginnen. Zum Fassanstich am Samstagabend fließt hier natürlich nicht das Bier, sondern der Wein in Strömen. In diesem Jahr ist sogar die amtierende Württembergische Weinkönigin zur Stelle und schenkt den Gästen ein Versucherle Weißwein cuvée aus, der an Mundelsheimer Hängen gewachsen ist. Bürgermeister Holger Haist begleitet seinen hohen Gast.

Einige betagte Mundelsheimer erleben das Eröffnungsritual aus nächster Nähe und erinnern sich daran, als die Sichel in alter Zeit noch wirklich im Einsatz war. Damals waren Werner Bühler, Inge Freihofer und andere Urgesteine als Kinder dabei, als von Hand die Ähren mit der Sichel eingefasst wurden. „Eine Knochenarbeit“, weiß Werner Bühler, der mit dem Großvater auf dem Feld war, noch genau. „Mit der Sense wurde gemäht, mit der Sichel wurde eingefasst. Die Ären haben wir in Sträußen gebündelt und zum Trocknen hingelegt. Von der Sichel bis zum Mähdrescher, das war eine bahnbrechende Entwicklung“, sagt Inge Freihofer.

Das Fass Freiwein ist schnell verteilt, den die Schlange ist lang. Die Freunde aus der Mundelsheimer Partnerstadt La Motte-Servolex bieten in Häppchen genau den Käse an, der zu den Mundelsheimer Weinen schmeckt: Rohmilchkäse, der auf der Zunge zergeht und fein würzig schmeckt. Jedes Mal kommen Abgesandte aus Frankreich.

Wie früher

Schon vor der offiziellen Eröffnung füllen sich die Bierbänke und die Neuankömmling müssen schon nach einem Plätzchen Ausschau halten. „Die Sichelhenket gibt Mundelsheim seinen Charakter. Das Fest ist hier nicht mehr wegzudenken. Endlich kommt man mal wieder im Ort zusammen und schwätzt miteinander, wie früher“, beschreibt Inge Freihofer die Bedeutung der Sichelhenket, die auch für Kinder etwas Besonderes zu bieten hat. Ganz anders wie bei der Kirmes gibt es hier nämlich keinen bunt blinkenden Vergnügungspark sondern eine Rollbahn, auf der man für 30 Cent pro Fahrt die Gasse hinuntersausen kann.

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