Jürgen Kunz

Schon seit einigen Tagen proben etwa 25 Mitarbeiter des Kernkraftwerks in Neckarwestheim den Ernstfall. Damit ist kein schwerwiegender nuklearer Zwischenfall gemeint, es geht vielmehr um die Verladung eines Castor-Behälters. Denn aller Voraussicht nach sollen wie mehrfach in der BZ berichtet 15 Castor-Behälter aus Obrigheim einmal nach Neckarwestheim verschifft und hier eingelagert werden.

Unter Aufsicht des Umweltministeriums und dessen Gutachter übten die GKN-Mitarbeiter deshalb, wie der Castor-Behälter vom Transporter abgeladen und quer auf ein Gestell abgelegt wird. Ein Kran mit einer Traglast von 150 Tonnen richtete den Castor vom Typ 440/84mvK in diesem Gestell auf und stellte ihn auf einen Platz direkt vor dem Zwischenlager. Über den selben Kran, der an der Decke des Zwischenlagers verankert ist, wurde er am Mittwoch an den vorgesehenen Platz im Zwischenlager wenige Meter weiter transportiert, wo derzeit noch 98 Plätze frei sind.

Für die EnBW steht längst fest, dass die 15 Castoren aus Obrigheim mit insgesamt 342 abgelaufenen Brennelementen über den Neckar nach Neckarwestheim transportiert werden sollen. Schon vor Jahren war im Umweltministerium die Entscheidung gefallen, in Obrigheim kein neues Zwischenlager zu bauen, sondern die Kapazitäten in Neckarwestheim zu nutzen. Dort sind aktuell 53 Castoren eingelagert.

Das Ende 2006 fertiggestellte Zwischenlager, das auf Entscheidungen der rot-grünen Koalition unter Bundeskanzler Schröder zurückgeht, bietet aber Platz für insgesamt 151 Brennelemente-Behälter. Wenn  auch der zweite Block des GKN in einigen Jahren abgestellt ist, werden laut EnBW 125 Plätze belegt sein – es bleibe also genügend Platz für die Castoren aus Obrigheim. Der Vorteil aus Sicht von Umweltministerium und EnBW: Der Standort Obrigheim wird schneller zu einer nicht-nuklearen Industriefläche. Der Nachteil aus Sicht der Atomkraftgegner: Der Transport der Castoren birgt hohe Risiken, selbst auf dem Fluss. Das Zwischenlager in Neckarwestheim läuft beinahe voll und droht endgültig zum Endlager zu werden.

Rund vier Meter lang sind die Castoren aus Obrigheim, die einen Durchmesser von 2,5 Metern haben, sagte EnBW-Sprecher Lutz Schildmann. Im August sei die Verladung bereits am Standort Obrigheim geprobt worden.

Die Castoren aus den beiden Blöcken in Neckarwestheim sind einen Meter länger. Um sie in Neckarwestheim abladen zu können, wird am Standort eine Schiffsanlänge gebaut, die laut EnBW-Sprecher Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres fertig wird. Diesen Vorgang konnten die EnBW-Mitarbeiter also noch nicht proben.

Über diesen Kai soll später auch der Schutt verladen werden, der beim Rückbau des GKN anfällt. Um ihn zu sortieren und auf Strahlung zu messen, entsteht gegenüber dem Kühlturm von Block II ein Industriebau, das Reststoffbearbeitungszentrum, das 2018 in Betrieb gehen soll.

Pannen habe es bei der „Kalthandhabung“ wie der Probelauf intern bei EnBW heißt, bisher nicht gegeben. Es gehe darum, dass die Mannschaft aus internen und externen Mitarbeitern Erfahrungen beim Abarbeiten der Checklisten und dem Umgang mit den Brennelemente-Behältern gewinnt. Jeder Schritt sei genau definiert. „Bei Bedarf kann ein Vorgang auch wiederholt werden“, so der EnBW-Sprecher.

Bei der Demonstration des Transports an den markierten Platz neben den anderen Castoren zeigte sich die Software der Kransteuerung störrisch. Erst nach minutenlanger Verzögerung folgte der Kran den Befehlen.

Wann der Ernstfall eintritt, ist noch unklar. Denn bisher hat das Energieunternehmen noch keine Genehmigung für den Transport der Castor-Behälter erhalten. Sie werde vom BfE erteilt, dem Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit, sagte der EnBW-Sprecher.