Mehrfach im Jahr führen Schauspieler durch die Altstadt und spielen unter dem Titel „Liebesabend in Besigheim“ Szenen aus dem Leben in früheren Jahren. Ihr Bezugspunkt: Ein kleines Büchlein mit dem gleichen Titel, geschrieben im Jahre 1908 von einem gewissen Norbert Jacques, bildet die Quelle ihrer Aufführung.

Aufgelegt wurde das Buch von Helmut Fischer, Stadtrat und Fraktionschef des Bündnis Mensch und Umwelt, und einigen Mitstreitern. Ein Buch, und sei es auch noch so schmal, das die Stadt Besigheim im Titel führt, das sei etwas Elementares, beschrieb Fischer bei einem Gespräch mit der BZ seine Motivation, als im April diesen Jahres die letzten Exemplare des Buches verkauft waren, das Fischer bereits 2003 aufgelegt hatte. Es enthält insgesamt sechs Erzählungen und Schilderungen von Städten, die alle vor dem Ersten Weltkrieg entstanden sind.

Die Titelgeschichte über das Abenteuer in Besigheim ist ein kleines literarisches Denkmal für die Kleinstadt an Neckar und Enz, die damals unter bildenden Künstlern wegen ihrer pittoresken Lage als Malerstadt geschätzt war. Das beweist die Frage der weiblichen Hauptfigur nach dem Beruf des Erzählers: Ob er etwa auch ein Maler sei? Galathee, wie sie genannt wird, und der Erzähler begegnen sich im Zug und steigen in der Nacht gemeinsam in Besigheim aus. Im Jahr 1908, zur Zeit der Erstveröffentlichung, war der Bahnhof immerhin Schnellbahnstation. Den Gang in die dunkle Altstadt nutzt  Jacques zu einem romantisch-expressiv angehauchten Porträt der Gassen, der Lichter des Schochenturms, von Marktplatz und Brunnen, von der Enz und ihrem Wehr und von den Mühlen der Stadt. Liebespaare und Nachtwächter tauchen im Dunkeln auf, die Lichter aus der Wohnung im Schochenturm gewinnen etwas Gespenstisches, während sich die erotische Geschichte zwischen den beiden Reisenden entwickelt.

800 Exemplare ließ Fischer für die Neuauflage bei einer Besigheimer Druckerei herstellen. Die Neuauflage ist mittlerweile vergriffen. Sie lehnt sich in der Gestaltung eng an das Original an, sogar das originale Einbandbild wurde verwendet. „Irgendwann sind wir in den schwarzen Zahlen gelandet“, erinnerte sich Fischer an die Probleme des Vertriebs. Den Erlös spendete er in drei Raten an die Bürgerstiftung.

Info Die nächste Führung „Liebesabenteuer in Besigheim“ findet übrigens an diesem Samstag, 5. Oktober statt. Beginn ist um 17.15 Uhr im Wartesaal im früheren Bahnhof. Die Teilnahme kostet zehn Euro, acht Euro ermäßigt.

Norbert Jacques und Dr. Mabuse


Der Name des Schriftstellers  Norbert Jacques dürfte heute nur noch wenigen Literaturinteressierten etwas sagen. Ganz anders sieht es mit dem Superverbrecher Dr. Mabuse aus, Jacques’ bekanntester literarischen Figur, die durch die Verfilmung Fritz Langs zu Weltruhm kam. Der 1880 geborene Luxemburger Jacques bereiste buchstäblich die ganze Welt und machte sich durch Reisegeschichten einen Namen, wie Dr. Günter Scholdt im Nachwort zu dem Band „Liebesabend in Besigheim“ schreibt. Später verfasste er „Massen- und Sensationsliteratur“, so Scholdt, und konnte sich erst 1939 wieder mit einem Roman über Schiller mit dem Titel „Leidenschaften“ literarische Geltung verschaffen. Wegen seiner späteren, wohl nicht freiwilligen Nähe zu den Nationalsozialisten und seiner Arbeit für die Kulturpropaganda in Luxemburg wurde er nach dem Krieg in Luxemburg inhaftiert und danach ausgewiesen. Er starb 1954 in Koblenz. sol