Die Stadtführung mit 1920er-Jahre-Charme, „Liebesabend in Besigheim“, feierte anlässlich des „Tag des Buches“ am Samstag eine poesievolle Premiere. Der Führung liegt die Titelgeschichte des Bändchens „Liebesabenteuer in Besigheim“ zugrunde, eine von sechs Kurzgeschichten des Schriftstellers Norbert Jacques aus Luxemburg, der in Koblenz lebte und dort 1954 starb. Der Autor ist auch Schöpfer und Erfinder des literarischen Dr. Mabuse, den Regisseur Fritz Lang weltberühmt gemacht hat.

Das Dämmerlicht-Ensemble wählte unter der Regie von Regisseur Rüdiger Erk den Stoff als Grundlage für eine besondere Stadtführung. Trotz wechselhaftem Wetter am Samstag zog es viele Neugierige in den Wartesaal im Bahnhof, von wo aus das Ensemble zum Stadtspaziergang aufbrach. Die Geschichte ist romantisch: Eine Reisender verguckt sich im Zug in eine Mitreisende, die Besigheimerin ist, und ändert spontan seine Reisepläne, um in Besigheim auszusteigen. Gleichzeitig ist diese Episode wie gemacht, um ein Zeitzeugnis für das alte Besigheim abzulegen. Weil Besigheim wegen seiner malerischen Stadtansicht in den 1920er-Jahren ein Mekka für Maler und Zeichner war, fragte sie sofort, ob er auch ein Maler sei. Er log, bejahte und eine romantische, aufkeimende Liebesbeziehung nahm ihren Lauf.

Schaurige Lesung

An verschiedenen malerischen Schauplätzen in der Stadt spielte das Dämmerlicht-Ensemble typische Szenen aus dem Besigheimer Leben von damals. Feldpostbriefe wurden vorgelesen, die schaurig zum Nachdenken anregten: „Wir saßen auf Leichen, doch das bekümmerte uns nicht. Hauptsache nicht im Schlamm.“ Ein anderer Besigheimer schrieb: „Die Macht der Liebe ist das einzige, was über die Welt hinaus ragt.“ Und wieder an anderer Stelle heißt es „Da schießt man in den erwachenden Morgen hinein ohne Ziel.“ In einem Brief vom 1. Juni 1916 liegt der Schreibende mit einem Bauchschuss im Sterben. Er ist 24 Jahre alt und schreibt seinen Eltern einen rührenden Abschiedsbrief.

Regisseur und Schauspieler Rüdiger Erk verwob Inhalte aus dem Büchlein mit bekannten Charakteren aus dem Stadtleben. Liebespaare tauchen auf und begleiten das Geschehen, Jakob und Emilie, und Liesbeth und Fritz. Letztere sind in einen heftigen Dialog verstrickt: Es geht darum, den Blick über den Tellerrand zur riskieren, Besigheim den Rücken zuzukehren und nach Berlin auszuwandern. Als Bänkelsänger bespielt Mühlenbesitzer und Architekt Eberhardt Krieg das Geschehen. Die Mühle an der Enz ist eine Anlaufstation während der Führung, ebenso das historische Rathaus aus dem 15. Jahrhundert und der Brunnen davor. Hier findet sogar eine öffentliche Rasur statt, während die Bettelkinder sich das Gesicht waschen. Auch das  Armenhaus in der Nachbarschaft der Mühle, das seit Jahrhunderten als solches fungiert, rückt in den Fokus.

Das Bezaubernde an diesem Theaterspaziergang, sind gerade die kleinen Alltagsszenen, die sich am Rande der Handlung ereignen. Das sind die bettelnden Kinder, die vor dem Publikum ihre Kappen zücken und die Mutter, die scheltend versucht, sie davon abzuhalten. Auch die rote Telefonzelle, ein Geschenk eines nach England ausgewanderten Besigheimers hinter dem Rathaus, wird zum Blickfang. Seit 1896 ist sie da, wenngleich auch nicht in Betrieb.

Der Pfarrer begleitet den Zug und wird aufgefordert, doch endlich mal etwas „Gescheites“ zu predigen, etwa aus dem Hohelied der Liebe. Es menschelt in Besigheim damals wie heute, am Ende trifft sich der lange Zug im Hinterhof eines historischen Hotels zum gemeinsamen Umtrunk. „Am Neckar, da isch ja jedes gern“, besonders nach einem Stadtspaziergang, durch die 1920er-Jahre in Besigheim.