Schwerpunkt Schulbeginn Laufen statt fahren: Sicherer Schulweg ohne Verkehr

Gegenüber der Kelter, am Eingang zur Kirchstraße, ist einer der drei Standorte neben dem Alten Friedhof und dem Kleinen Neckerle, an denen die Kinder aus dem Auto aussteigen können, um zur Schule zu laufen.
Gegenüber der Kelter, am Eingang zur Kirchstraße, ist einer der drei Standorte neben dem Alten Friedhof und dem Kleinen Neckerle, an denen die Kinder aus dem Auto aussteigen können, um zur Schule zu laufen. © Foto: Andreas Wirth
Von Ifigenia Stogios 08.09.2018

Der Verkehr in der Kirchstraße macht vielen Anwohnern zu schaffen. Eine Bürgerinitiative von Anwohnern und Beschäftigten forderte im Juni sogar, die Straße zu sperren und nur noch für Anlieger und den Lieferverkehr frei zu geben (die BZ berichtete). Die Bürgerinitiative befragte 400 Altstadtbewohner über ihre Wohnqualität. Über 50 Prozent seien für eine Sperrung der Kirchstraße gewesen, so das Mitglied der Bürgerinitiative, Andreas Wirth. Zur Sperrung kam es allerdings nicht.

Die Bürgerinitiative, die inzwischen unter dem Namen „Ein Herz für Besigheim“ bekannt ist, ließ nicht locker und beschloss,  etwas gegen die schlechte Verkehrslage zu unternehmen, wovon zumindest die Schulkinder sowie die Anwohner profitieren sollten. Sie setzte sich mit der Gemeinde zusammen und schlug sogenannte „Kiss and Walk“-Plätze vor.

Was man sich darunter vorstellen kann? Die Inspiration bekam die Bürgerinitiative durch die amerikanische Idee „Kiss and Ride“ (Küssen und Fahren). Das heißt, dass Eltern künftig die Schulkinder an drei Stellen rauslassen können, damit sie den restlichen Weg zu Fuß zur Schule gehen können und der Verkehr in der Altstadt dadurch geringer wird.

Der Weg von den Standpunkten zur Schule ist zwischen 250 und 600 Meter lang. Auf diese Weise tragen Eltern dazu bei, dass es in der Altstadt ruhiger wird und die Kinder können in Folge dessen gefahrlos zur Schule laufen. Die Kleinstadt reagierte positiv auf dieses Vorhaben. Auch zwei Fraktionen seien positiv davon überrascht gewesen, so Wirth. „Die SPD und CDU haben sich bei uns gemeldet.“

Das Kleine Neckerle zwischen den Behindertenparkplätzen, dort wo der Fußweg zur Altstadt losgeht, ist der eine Standort. Die anderen zwei sind der Alte Friedhof, beziehungsweise das Paul-Gerhard-Haus und die Alte Kelter. An jedem Standort sollen Schilder aufgestellt werden. „Die bestelle ich am Montag“, sagt Sabine Keller vom Ordnungsamt. Keller geht davon aus, dass diese nicht mehr als 500 Euro kosten werden.

Damit die Grundschüler völlig gefahrlos ihren Schulweg meistern können, ging „Ein Herz für Besigheim“ noch einen Schritt weiter und bat die Gemeinde, montags bis freitags zwischen 7.30 und 8 Uhr die Zufahrten zur Kirchstraße durch Poller zu sperren, doch dies wurde abgelehnt. Es gebe nämlich Fahrer, die unbedingt durchfahren müssten, so Keller. Aber Wirth verliert nicht seinen Mut: „Die Maßnahme der Poller kann ja auch zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Wir werden dies auf jeden Fall weiter verfolgen.“

Postkarten und Aufkleber

Jetzt müssen Eltern und Kinder noch vom Vorhaben erfahren. Postkarten und Aufkleber sollen dazu beitragen. „Die werden wir beispielsweise bei der Einschulung verteilen“, sagt  Wirth. Auf den bereits entworfenen Aufklebern steht: „Mach mit. Lebens- und Spielraum verkehrsbedingt“. Die Postkarten sind mit Aufrufen und Projektinfos bedruckt: „Verkehrsberuhigte Stadt“, „Lasst uns laufen!“, „Lauf rein!“ und „10 Minuten zu Fuß“.

„Darin appellieren wir an die Vernunft der Eltern, ihre Kinder ein stück laufen zu lassen“, so die Bürgerinitiative. Auch die Leiterin der Friedrich-Schelling-Schule, Renate Opiolla, wurde bereits informiert. „Wir haben sie angeschrieben“, so Wirth. „All das sind kleine Schritte, um den Durchgangsverkehr zu reduzieren, aber wir sind stolz, dass wir auf offene Ohren gestoßen sind“, sagt Wirth.

Die Geschichte von „Kiss and Ride“

Der Begriff „Kiss and Ride“ kam zum ersten Mal 1956 in Amerika vor und beschrieb die damalige Gewohnheit einiger Frauen, ihre Männer zur Arbeit zu bringen und dann das Auto wieder mitzunehmen. Er verbreitete sich die nächsten Jahre weltweit, geriet aber schnell wieder in Vergessenheit. In den letzten Jahren kam der Begriff vermehrt wieder auf und wird als Ansatz gehandhabt, um Verkehrsprobleme zu minimieren. Beispielsweise vor Schulen, Bahnhöfen oder Krankenhäusern werden „Kiss and- Ride“-Zonen eingerichtet, damit man kurz anhalten kann, jemanden aussteigen lassen und direkt wieder abfahren kann. Verkehrschaos, wie es etwa morgens vor Schulen entsteht, soll so verringert werden. ifi

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