Besigheim Kunstsinnige und reiche Leute

Von Michael Soltys 10.08.2018

Mal gehörte sie Gastwirten, mal Apothekern, fast immer Menschen aus der besseren Gesellschaftsschicht des alten Bönnigheim: die Alte Apotheke in der Kirchstraße 22, in der heute wieder ein Restaurant betrieben wird. Im Besitz von Apothekern war das Haus zwischen 1717 und 1859, also mehr als 140 Jahre lang. Dies ergibt sich aus der Auswertung von Güterbüchern, den Grundbüchern früherer Zeit, durch die Bönnigheimer Stadtarchivarin Helga Engster-Möck. Davor allerdings war es über viele Jahrzehnte ein Wirtshaus, besagen die gleichen Quellen. Für einige Jahre diente es Anfang des 19. Jahrhunderts wieder als Gaststätte, später als Wohnhaus der Familie Pantle, bis es schließlich 1998 seine heutige Bestimmung fand.

Bis zum Jahr 1633 hat Helga Engster-Möck die Geschichte des Hauses aus den Güterbüchern rekonstruiert. Seit 1542 bis 1646 lebten mehrere Stadtschreiber in dem Gebäude, das zu dieser Zeit im Besitz der Stadt war. Stadtschreiber erledigten in früheren Jahrhunderten den Schriftverkehr der Kommunen und schrieben die Rechnungen, erläutert Kurt Sartorius, der Vorsitzende der Historischen Gesellschaft in Bönnigheim. „Es müssen kunstsinnige und reiche Leute gewesen sein, die das Haus erbaut haben“, glaubt er. Das schließt er aus den Resten der Wandmalereien, die sich erhalten haben, beispielsweise im Treppenhaus der Alten Apotheke.

140 Jahre Apotheke

Im Jahr 1646 erwirbt Hans Michael Gerung das Haus, zu dem damals noch eine Scheune gehörte. Er war zu dieser Zeit auch Besitzer der „Herberg zum Hirsch“ in der Hauptstraße 44, die er 1645 erworben hatte, wie die Archivarin herausgefunden hat. Bis zum Jahr 1717 bleibt das Haus im Besitz der Familie Gerung, bis es mit Scheune und Garten an den ersten Apotheker Johann Christian Ruoff verkauft wird. Ihm folgen sieben Generationen von Apothekern als Besitzer.

Im Jahr 1821 übernimmt Georg Adam Michael Völter die Apotheke und heiratet die Tochter des vorherigen Besitzers Christian Friedrich Hebsacker. Einheirat war damals ein probates Mittel, sich als Apotheker niederzulassen denn eine Gründung war mit hohen Kosten verbunden, erläutert Sartorius. Völter baute später das Laborgebäude hinter dem Haus, das auf Betreiben der Historischen Gesellschaft 2002 als heutiges Museum „Arzney-Küche“ eröffnet wurde.

Bis heute lässt sich am Gebäude selbst die Nutzung des Erdgeschosses als „Offizin“ demonstrieren, wo der Apotheker seine Arzneien herstellte und mischte. Erhalten hat sich das Fenster, durch das der Apotheker der Kundschaft üblicherweise seine Arzneien und alkoholische Erzeugnisse hinausreichte. Schnaps gab es damals quasi auf Rezept – zum Leidwesen der konkurrierenden Gastwirte und zur Freude der Zecher, die nach der Sperrstunde noch etwas zu trinken suchten, wie Sartorius erläutert. Wenigstens konnten die Gastwirte durchsetzen, dass sich die Zecher nicht mehr zur späten Stunde in der „Offizin“ trafen, sondern auf der Straße bleiben mussten.

Apotheker Völter heiratete in eine begüterte Familie ein und war in Bönnigheim bald eine überaus bekannte Persönlichkeit, schreibt Larissa Leibrock-Plehn in einem Heft des Fördervereins Museum Arzney-Küche. 1833 wurde er Stadtrat von Bönnigheim. Er zählte zu den Mitbegründern des Gesangvereins Concordia und war einer der Vorsteher der Bönnigheimer „Knaben-Erziehungs-Anstalt für In- und Ausländer“, die auf privater Basis Schüler aus vielen Teilen der Welt unterrichtete.

Wohnhaus der Amanns

Im Jahr 1859 wurde die Apotheke zum reinen Wohnhaus, nachdem das Gebäude an Alois Amann verkauft wurde, den Mitbegründer der Nähseidenfabrik Amann. In den Güterbüchern ist die Rede von einer Behausung, Scheune, zwei Gärten und dem „feuerfesten Laboratorium mit Schopf und Brunnen“, eben das von Völter errichtete Gebäude.

Ende des 19. Jahrhunderts erhält das Haus mit dem neuen Besitzer Friedrich Schreyer eine andere Funktion: Bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts wird dort eine Bäckerei betrieben, zuletzt von der Familie Pantle, weshalb die Alte Apotheke auch lange Pantle-Haus genannt wurde.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel