Wenn im nächsten Frühjahr die Sonderausstellung zum Bönnigheimer Bürgermeistermord mit Ralf Michelfelder, dem Präsidenten des Landeskriminalamts, eröffnet wird, ist auch der „Hammermord“ ein Thema. Denn auch hier wurden Waffen untersucht, um sie gefundenen Projektilen oder Hülsen zuzuordnen. 12 000 Dienstwaffen gingen damals ans BKA nach Wiesbaden, und es gab am Ende einen Treffer, der zum Täter führte, Norbert Poehlke. Der Polizist hatte zuvor drei Menschen, seine Familie und schließlich sich selbst erschossen.

„Der Fall ist noch ziemlich präsent“, sagt Helmut Fischer, der Besigheimer BMU-Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat, „und war etwas ganz Tragisches“. Er war damals in der Landespolizeidirektion Stuttgart I, die es heute in dieser Form nicht mehr gibt. Die Frau von Norbert Poehlke war seine Kollegin, die am Ende mit ihren Kindern vom Ehemann erschossen wurde. Poehlke war Polizist, Beamter in der Polizeihundestaffel, und bis dahin ein als freundlich bekannter Familienvater. Er wollte nach einem Lottogewinn von 36 000 Mark auf dem Grundstück der Schwiegermutter bei Backnang ein Haus bauen, hatte sich aber finanziell übernommen. Trotz 300 000 Mark Schulden schaffte er sich teure Baumaschinen und einen neuen Daimler an.

Für seine Morde fuhr er aber andere Autos. Er lauerte zwei Unbekannten auf einsamen Parkplätzen auf, ermordete sie mit der Dienstwaffe und benutzte die Autos als Fluchtwagen nach seinen Banküberfällen in Erbstetten, Cleebronn und Spiegelberg. Den Hammer benutze er nicht als Tatwaffe, sondern schlug damit den Glasschutz der Bankangestellten ein und drohte mit seiner Dienstwaffe. 4800 und 78 000 Mark erbeutete er damals, beim dritten Versuch in Spiegelberg musste er ohne Beute fliehen.

Größte Polizeiaktion

„Beim zweiten Mord waren wir 50 Beamte im Feuerwehrhaus in Großbottwar“, erinnert sich Fischer, „und sind räumlich aus allen Nähten geplatzt“. Die Soko „Hammer“ vergrößerte sich mit der dritten Tat und man zog zunächst in die Grundschule und dann in das leerstehenden Hotel Forsthof, wo die Gruppe auf fast 100 Beamte anwuchs. Es war die größte Polizeiaktion der Nachkriegszeit im Südwesten, und man arbeitete rund um die Uhr, ging 4482 Spuren nach, nahm 157 Personen in die „engere Wahl“.

12 000 Waffen untersucht

Um Patronenhülsen zu sichern, wurden 37 Tonnen Erde ausgegraben, es wurden 12 000 Waffen untersucht und man versuchte mit Ringalarmkontrollen, den Täter zu finden, der – wie sich dann heraus stellte – aus den eigenen Reihen kam. Alle Polizeipistolen aus den Zuständigkeitsgebieten der Polizeidirektionen Stuttgart, Ludwigsburg, Rems-Murr, Waiblingen und Heilbronn kamen zur Analyse zum Bundeskriminalamt nach Wiesbaden, auch Fingerabdrücke wurden verglichen. Weil sich der Täter beim ersten Banküberfall an der Hand verletzt und eine Blutspur hinterlassen hatte, mussten auch manche Tatverdächtige eine Blutprobe abgeben. Bis zum Ergebnis dauerte es aber noch Monate, und Poehlke überfiel erneut eine Bank, diesmal ohne Mord.

Die Zeugenaussagen seien so widersprüchlich gewesen, dass es für die Beamten schwer wurde. „Jeder hat gesagt, nie und nimmer“, bis Poehlke nach der vierten Tat in Rosenberg genau beschrieben wurde. „Das wollte man einfach nicht glauben“, blickt Fischer zurück, auch als die Uniform Poehlkes in einem Ludwigsburger Schließfach nach dem vierten Überfall gefunden wurde. Er konnte zuerst die gefundene Uniform, die Sturmmaske und einen an sich adressierten Brief mühevoll erklären. Die Zeit lief aber gegen ihn, denn es war klar, dass das BKA genau seine Waffe als Tatwaffe identifizieren würde. Er meldete sich krank und erschien acht Tage lang nicht zum Dienst. Dann sei man ausgerückt, so der frühere Kommissar, und habe im Wohnhaus die Leichen der Frau und des älteren Sohnes entdeckt. Mit seinem jüngeren Sohn setzte sich Poehlke nach Süditalien ab, wo er ihn und schließlich sich selbst am Strand erschoss.

„Er hat wirklich sehr viele Fehler gemacht“, blickt der Besigheimer zurück, so habe Poehlke zum Beispiel in Läden mit Geld in kleinen Scheinen nur so um sich geworfen. Womöglich war der Auslöser der Tod seiner Tochter, die nach der ersten Tat an einem Gehirntumor starb. Damals habe die Familie alles versucht und Geld eingesetzt, das aber nicht da war. „Das kann man hineininterpretieren“, glaubt Fischer, „es hat ihm wohl einen Knacks gegeben“. Die Ermittlungen verschärften sich, als klar war, dass es um einen Polizisten ging, und der Polizei wurden auch Ermittlungsfehler vorgeworfen.

Im Jahr 2010 ging Fischer als Kriminalhauptkommissar in Ruhestand, nach 35 Dienstjahren. Auch er musste 1985 seine Waffe abgeben, damit sie ballistisch untersucht wurde, und bekam eine Ersatzwaffe. Dass aus den Tausenden Waffen die Tatwaffe ausgesiebt werden konnte, verdankt man der forensischen Ballistik. Jede Waffe erzeuge Individualspuren, sei mit den Zügen im Lauf und ihren Schlagbolzenabdrücken verschieden, erklärt Helmut Fischer. Auch unter 12 000 baugleichen Waffen können im Elektronenrastermikroskop Unterschiede nachgewiesen werden, wie es der forensischen Ballistik gelingt. Und die hatte nachweislich beim Bürgermeistermord von 1835, der vom Besigheimer Amtsrichter untersucht worden war, ihren Anfang.