Was sind schon Radio, Fernsehen oder Podcast? Um wie viel reicher und eindrücklicher ist doch Livemusik! Bei ihr sind die Musiker selbst präsent, und es entsteht eine Verbindung mit dem Publikum. Die 300 Zuhörer bei der zweiten Hälfte des Besigheimer Weihnachtsoratoriums hätten es bequemer haben, zu Hause eine CD einlegen und es sich gemütlich machen können. Doch sie wussten besser, dass nichts auf der Welt eine echte, sozusagen leibhaftig produzierte Musik ersetzen kann.

Und sie wurden reich belohnt. Wie bereits beim ersten Konzert mit den Kantaten 1 bis 3 des Bach’schen Weihnachtsoratoriums vor den Feiertagen erlebten sie nun zwischen den Jahren eine zu Herzen gehende, mit „Fleisch und Blut“ erfüllte Darbietung der weniger bekannten Kantaten 4 bis 6. Kleine Unstimmigkeiten zwischen dem Dirigenten und den Musikern sind gar nicht schlimm, sondern eher charmant und gehören zum gemeinschaftlichen Tun und Erleben unbedingt dazu.

Dicht und entspannt

Wieder sangen die Besigheimer Kantorei und wenige Mitglieder der Jugendkantorei, und wieder spielten die „Sinfonia 02“ mit ihrem Konzertmeister Mathias Neundorf und das Stuttgarter Trompetenensemble Christian Nägele. Vom 14. Dezember kannte man bereits die Gesangssolisten Miriam Burkhardt, Sopran, Florian Cramer, Tenor, und Thomas Scharr, Bass. Neu hinzu kam die Altistin Marie Seidler. Die Gesamtleitung lag auch dieses Mal in den bewährten Händen des Besigheimer Kantors Tobias Horn.

Atmosphärisch und musikalisch war das zweite Konzert vielleicht sogar noch etwas dichter als das erste. Entspannter wirkte die Aufführung auf jeden Fall. Schließlich konnten sich die Musiker über die Feiertage etwas erholen und Abstand zur vorweihnachtlichen Hektik gewinnen. Und mit einem sehr gut gelungenen ersten Konzert im Rücken singt und spielt es sichleichter.

Mit dem prächtigen Eingangschor der vierten Kantate „Fall mit Danken, fallt mit Loben“ mit den markanten Hornstimmen ging es los. Das Profiorchester und seine tadellose Continuo-Gruppe (Andreas Gräsle, Orgel, und Christof Neundorf, Cello) machten es für den Chor und den Dirigenten leicht; sie sorgten für den typisch barocken „Drive“ und gaben den gut 50 Sängerinnen und Sängern im Chor eine wunderbare harmonische und rhythmische Stütze.

Professionell war das Dirigat des Kantors. Nie klebte er an den Noten, sondern war mittendrin im musikalischen Geschehen, gab Einsätze, artikulierte mit, gab musikalische Impulse. Die Solisten ergänzten hochprofessionell die Nummernabfolge der Kantaten.

Die Höhepunkte

Einige Höhepunkte: Die Sopran-Echo-Arie „Flößt, mein Heiland“ mit der Knabenstimme von Felix Gräsle. Die hochvirtuose Tenorarie „Ich will nur dir zu Ehren leben“ mit zwei solistischen Violinen in der Form eines Concertino-Trios. Der Tenor Florian Cramer wirkte sehr gut disponiert und sang wunderbar leicht mit bester Textverständlichkeit und geschmeidiger Höhe. Der schwierige Eingangschor zur fünften Kantate „Ehre sei dir, Gott, gesungen“ kam mit einem eher gemächlichen Tempo den Choristen entgegen. Die Bassarie „Erleucht auch meine finstre Sinnen“ mit der innigen Oboe d’amore der Solistin Katharina Witt. Im Altrezitativ „Warum wollt ihr erschrecken?“ kam die Klasse des Orchesters zum Tragen. In eindrücklichen Zweiunddreißigsteln wurde die Furcht ob des Erscheinens des Gottessohnes lebendig.

Oder das bekannte Terzett „Ach, wenn wird die Zeit erscheinen“ mit der Solovioline Mathias Neundorfs, an der man sich nicht satthören kann. Oder das Solo-Quartett „Was will der Hölle Schrecken nun?“, das den Blick auf Ostern vorwegnimmt.