Schwerpunkt Ärzteversorgung Hausarztpraxis sucht Ersatz

Drei Ärztinnen führen im Auftrag von Dr. Johannes Buderer (rechts) eine ehemalige Hausarztpraxis in Besigheim (von links): Hendrikje Uhlig, Olga Achwerdov und Ursula Grasser. Buderer möchte in Besigheim ein medizinisches Versorgungszentrum etablieren.
Drei Ärztinnen führen im Auftrag von Dr. Johannes Buderer (rechts) eine ehemalige Hausarztpraxis in Besigheim (von links): Hendrikje Uhlig, Olga Achwerdov und Ursula Grasser. Buderer möchte in Besigheim ein medizinisches Versorgungszentrum etablieren. © Foto: Martin Kalb
bz 13.01.2018

Es ist eine Frage, die sich für Dr. Gerhard Wald und seine Frau Elke aus persönlichen und beruflichen Gründen dringend stellt: „Warum haben junge Ärzte heute keinen Mut mehr eine Praxis zu übernehmen?“ Der 67 Jahre alte Internist und seine Ehefrau, die in der Hausarzt-Praxis in der Besigheimer Weinstraße seit Jahrzehnten als Sprechstundenhilfe arbeitet, haben bisher keine Antwort darauf gefunden. Versucht haben sie im vergangenen Jahr jedenfalls Vieles. Doch weder die Kassenärztliche Vereinigung konnte helfen, noch ein privater Vermittler. Gespräche über die Übernahme verliefen im Sand, berichtet Gerhard Wald.

 Ändert sich daran nichts, wird die Hausarztpraxis voraussichtlich im Sommer schließen. Und dann, fragt Elke Wald? „Soll ich den Patienten einfach ihre Akten geben, damit sie irgendwo unterkommen?“

  An der Praxis selbst kann es jedenfalls nicht liegen, meint Elke Wald. Der Patientenstamm sei vorhanden, Nacht- und Wochenenddienste seien geregelt, junge Ärzte könnten also mit einer selbst bestimmten Arbeitszeit rechnen. Auch den Standort Besigheim mit sämtlichen Schulen, Bahn- und Busanbindung, Einkaufsmöglichkeiten und Neubaugebieten beurteilt sie positiv. Und trotzdem findet sich niemand. „Es können doch nicht alle Ärzte am Krankenhaus bleiben, nach Norwegen, England oder in die Schweiz auswandern, und auch nicht jeder findet einen Platz als Chef- oder Oberarzt“, stellt Elke Wald fest. Offensichtlich sei der Hausarzt ein Auslaufmodell, nicht nur im ländlichen Raum.
  In Besigheim könnte dies in den kommenden Jahren zu einem echten Engpass führen. Denn die übrigen drei Hausärzte in der Stadt sind alle nur unwesentlich jünger als Gerhard Wald und erreichen in wenigen Jahren die Pensionsgrenze.

 Das weiß auch Dr. Johannes Buderer. „Die Situation in Besigheim wird immer, immer schwieriger“, sagt der Allgemeinarzt, der in Bietigheim-Bissingen seit einiger Zeit ein medizinisches Versorgungszentrum führt. In seiner GmbH stellt er Ärzte ein, die eine Versorgung seiner Patienten sichern, aber eben nicht mehr fürchten müssen, quasi rund um die Uhr verfügbar sein zu müssen. Damit kommt er vor allem dem Wunsch von Frauen nach einer Beschäftigung in Teilzeit entgegen, wird im Gespräch mit der BZ deutlich.

  Als in Besigheim eine gut eingeführte Hausarztpraxis frei wurde, griff Buderer zu. Seit dem 1. Januar 2017 praktizieren drei Ärztinnen in der Besigheimer Straße. Buderers Problem: Der Mietvertrag läuft aus, er braucht neue Räume. Und die bieten sich im Neubau der Firma Layher direkt am Besigheimer Bahnhof an.

  Kurz vor dem Jahreswechsel hat das Baugesuch den Besigheimer Gemeinderat passiert, wie in der BZ berichtet. Buderer hat ein klares Interesse daran, dort ein medizinisches Versorgungszentrum mit Allgemeinmedizinern einzurichten, „doch die Voraussetzungen müssen stimmen“, sagte er.

 Was er darunter versteht, habe er in dieser Woche auch in einem Gespräch mit dem Besigheimer Bürgermeister Steffen Bühler deutlich gemacht: Da sind zum einen die räumlichen Voraussetzungen, die den Ansprüchen in den kommenden beiden Jahrzehnten gerecht werden müssen. Da ist zum anderen aber auch die Forderung nach finanzieller Förderung durch die Stadt Besigheim, wie dies auch in Bietigheim-Bissingen der Fall war. Dort hat die Stadt laut Buderer für das erste Jahr in den neuen Räumen neben dem Sky-Hochhaus einen Mietnachlass unterstützt.

  „Wir glauben, dass Kommunen Verantwortung übernehmen müssen“, macht der Arzt deutlich. Er sieht die Ansiedlung des medizinischen Versorgungszentrums in dem Layher-Projekt als Chance für Besigheim. „In fünf Jahren wird es in Besigheim keine vier Allgemeinärzte mehr geben“, ist er sicher. Bei der Übernahme der Hausarztpraxis habe sein Unternehmen bereits hohe Summen investiert. „Auch wirtschaftlichen Gründen können wir das nicht noch einmal machen.“ Die Höhe der Investitionen in ein Versorgungszentrum bezifferte Buderer mit 300 000 Euro.

  Diese Behauptung untermauert Kai Sonntag, der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Baden-Württemberg mit konkreten Zahlen: Seiner Prognose nach werden landesweit in einiger Zeit etwa 500 Hausarztpraxen unbesetzt bleiben. Zwar gibt es immer mehr Ärzte, die in die kassenärztliche Vereinigung drängen „aber nicht als Hausarzt, der eine Praxis führt.“

 Starker Wunsch nach Teilzeit

Je ländlicher die Region und je kleiner die Praxis, „desto schwieriger wird es“. Mehr als die Hälfte der neuen Mitglieder der KV sind heute angestellt. Besonders bei Frauen sei „der Wunsch nach Teilzeit sehr stark“.  Etwa 70 Prozent der Studenten seien heute Frauen. 

 Ein Mangel an Ärzten im Raum Bietigheim-Bissingen/Besigheim deutet sich nicht an. Um einen Versorgungsgrad von 100 Prozent zu erreichen, könnten laut Sonntag noch acht bis neun Ärzte eine Zulassung bekommen, bis zur zugelassenen Höchstgrenze von 110 Prozent sind es 18.

Bühler: Wir wissen, dass wir etwas tun müssen

Die Sorge, dass der Standort Besigheim wegen des Hausärztewandels an Attraktivität verliert, treibt auch Bürgermeister Steffen Bühler um. Mit Kinderärzten, Orthopäden oder Zahnärzten sei die Stadt dagegen gut versorgt,. „Wir wissen, dass wir etwas tun sollten“, sagte der Bürgermeister im Gespräch mit der BZ. In Ottmarsheim gibt es schon seit vielen Jahren keinen praktizierenden Allgemeinarzt mehr.

Bei der Genehmigung des Layher-Projekts drängten Bühler und der Gemeinderat darauf, dort auch tatsächlich einen Hausarzt anzusiedeln. Doch ein starkes Instrument, dies gegenüber dem Bauherrn auch durchzusetzen, habe die Stadt nicht in der Hand, räumte Bühler ein. Auch gegenüber der Kassenärztlichen Vereinigung  könne die Stadt nur Empfehlungen aussprechen. Der Reiz einer eigenen Praxis auf dem Land sei eben deutlich gesunken. Für eine Stellungnahme zu den Wünschen Buderers, die nach dem BZ-Gespräch mit ihm bekannt wurden, war Bühler am Freitag nicht zu erreichen. bz