Es schmiegt sich ein zwischen dem Rathaus und dem Gebäude Marktplatz 2, in dem sich einst die Stadtapotheke befand: Das Dreigiebelhaus am Marktplatz 4 gehört zu den schönsten Bauten, die der mittelalterliche Weinort an Neckar und Enz zu bieten hat. Ganz abgesehen davon, dass in der weiteren Umgebung vermutlich gar kein vergleichbares Haus existiert.

Historisch gesehen wurde aus dem Dreigiebelhaus in Besigheim eigentlich erst im Jahr 1610 ein zusammenhängendes Bauwerk. Damals war es gemäß der Eintragung im Häuserbuch der Händler Hans Ludwig Fischer, der das Gebäude innen so umgestaltete dass es durchgängig nutzbar wurde. Die einzelnen Giebel waren zuvor bereits in den Jahren 1486, 1487 und 1501 entstanden. 1699 wurde das Gesamtensemble allerdings erstmal wieder in zwei und um 1900 sogar in drei Gebäudeteile auseinanderdividiert.

Im großen Mittelhaus, das von den beiden deutlich kleiner dimensionierten und niedrigeren äußeren Gebäudeteilen eingerahmt wird, soll angeblich in früheren Zeiten ein Schuster seine Ware feilgeboten haben. Darauf weisen Spuren von Lederüberresten hin, die sich dessen Nachfolger offensichtlich als Dämmmaterial zu Nutze machten.

Der an der Außenwand angebrachte Klappladen, den der heutige Hausbesitzer Charlie Pflumm-Hölderlin als hängenden Außentisch für seinen Buchladen im Erdgeschoss verwendet, dürfte in ähnlicher Weise auch dem Schuhmacher als Auslagefläche gedient haben.

Im hinteren Bereich wurden vermutlich in Ställen die Nutztiere gehalten. Die vier Keller sind älter, als das Dreigiebelhaus selbst und stammen ungefähr aus dem 13. Jahrhundert. Die verschiedenen Etagen des zwei- und dreistöckigen Gesamtgebäudes befinden sich jeweils auf unterschiedlichen Niveaus. Darauf lässt schon die Außenansicht auf das Haus schließen: Selbst die Fensterreihen des Mittelhauses liegen nicht durchgängig parallel zueinander.

Bevor das Dreigiebelhaus zu dem wurde, was es heute ist, vergingen einige Jahre. In mühevoller Kleinarbeit restaurierten Charlie Pflumm-Hölderlin und Claudia Hölderlin zwischen 1986 und 1992 Schritt für Schritt liebevoll das Fachwerkhaus. 1981 waren sie zunächst als Mieter in das Haus eingezogen, das ihnen die Stadt dann im Dezember 1983 verkaufte. Pflumm-Hölderlin hatte zwei Jahre lang darum kämpfen müssen. Um ein Haar wäre damals das Dreigiebelhaus dem Erdboden gleich gemacht worden.

Seinen Buchladen betreibt Pflumm-Hölderlin seit 1982. Während der Sanierungszeit musste er mit seinen Büchern im Gebäude von einem Platz zum nächsten ziehen. Genauso gestaltete sich das Wohnen für das Ehepaar über die Jahre der Renovierungszeit. Seinen heutigen Zuschnitt hat der Buchladen seit 1991. Ebenfalls seit 1991 veranstaltet Pflumm-Hölderlin im großen Keller unter dem Mittelhaus edle Weinproben oder auch Konzerte. An die schiefen Wände im Inneren haben sich die Zwei inzwischen so gewöhnt, dass an einen Auszug nicht mehr zu denken ist. Die liebevolle Innenarchitektur im Dreigiebelhaus möchte keiner von den Bewohnern des denkmalgeschützten Gebäudes missen. Überall knarrt und knistert es. Mit genormten Möbelteilen käme man bei den vorhandenen Schrägen vermutlich nicht weit. Dies macht indes die besondere Atmosphäre aus. Die Hausbesitzer schätzen schließlich auch die Wohnlage in der Altstadt. Diese ist in den letzten Jahren mit der Sanierung von einigen Häusern um den Marktplatz wesentlich attraktiver geworden. Abends trifft man sich mit den Nachbarn beim Blumenwasser holen am Marktplatzbrunnen oder zu einem Glas Wein im Restaurant Olive neben dem Dreigiebelhaus. Und wenn es irgendwo klemmt, hilft man sich untereinander aus. Die Lebensqualität in der Umgebung des Fachwerkhauses mit den drei Giebeln könnte also kaum besser sein. Auch für Touristen ist der Marktplatz mit dem Rathaus und dem Dreigiebelhaus ein beliebter Anziehungspunkt geworden.