Schwerpunkt Weltretter Energie: Immer wieder nachgebohrt

Das Wasserrad der alten Mühle an der Enz in Besigheim dient seit 2000 zur Stromgewinnung.
Das Wasserrad der alten Mühle an der Enz in Besigheim dient seit 2000 zur Stromgewinnung. © Foto: Pangerl Helmut
Michael Soltys 11.08.2018

Als das Wasserrad der Ernstschen Mühle im September 2004 zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder in Betrieb genommen wurde und Strom lieferte, da kam sogar die damalige Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) nach Besigheim in die Enzaue. Um die 3000 Arbeitsstunden mussten Betreiber Hansjörg Kollar und seine Mitstreiter von der Lokalen Agenda-Gruppe Mobilität, Energie, Klima (MEK) aufbringen, um die Mühle aus dem Jahr 1689 zu sanieren. Behördliche Auflagen und auch der Widerstand des Fischereivereins mussten überwunden werden, damit das historische Bauwerk Strom liefern konnte, mit dem Kollar seitdem sein Haus auf der gegenüberliegenden Seite der Enz versorgt.

Die Ablehnung der Atomenergie und die Verwendung lokaler, regenerativer Energie-Ressourcen sind bis heute die treibenden Motive der Agenda-Gruppe MEK. Sichtbares Beispiel des Wandels ist das Windrad beim Besigheimer Husarenhof, an dessen Entwicklung und Betrieb der Besigheimer Ingenieur Heinrich Blasenbrei-Wurtz, einer der treibenden Kräfte in der Agenda-Gruppe, maßgeblich beteiligt war. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Energie-Genossenschaft, die das Windrad betreibt, hat sich über Jahrzehnte für alternative Energieformen verkämpft. Schon Anfang des Jahrtausends setzte er mit 66 weiteren Gesellschaftern den Bau des ersten Windrads in der Region durch. Bis heute dreht es sich auf dem Grünen Heiner oberhalb der Autobahn zwischen Stuttgart und Korntal-Münchingen.

„Uns war es wichtig, eine Alternative zum Atomstrom zu schaffen und gerade hier in der Region zu demonstrieren, dass es auch anders geht“, sagte Blasenbrei-Wurtz damals im Gespräch mit der BZ. Rund 1,2 Millionen Mark (600 000 Euro) kostete das Projekt auf dem Grünen Heiner, die Hälfte davon sammelte er bei Mitstreitern in der Region ein. Selbst von Rückschlägen ließ er sich nicht entmutigen. Bereits 2002 schlug er dem Besigheimer Gemeinderat vor, ein Windrad beim Husarenhof zu bauen, in ähnlicher Dimension wie das an der Autobahn, also deutlich kleiner als das heutige. Er wurde regelrecht abgeschmettert. Ausgerechnet der Naturschutz machte ihm damals einen Strich durch die Rechnung. Das Windrad gefährde bedrohte Tierarten, der damalige Naturschutzwart sprach gar von einem Frevel, sollte es gebaut werden.

Mühle und Windrad sind nur zwei anschauliche Zeichen für das Wirken der Agenda-Gruppe in der Stadt, das tiefe Spuren in der städtischen Energiepolitik hinterlassen hat. Was heute vielen als selbstverständlich gilt, musste im Einzelfall mühsam erkämpft werden. So stieß beispielsweise 2005 der Vorschlag, das Faulgas, das in der Kläranlage entsteht, nicht länger abzufackeln und stattdessen für ein Blockheizkraftwerk zu nutzen, zunächst auf Ablehnung. Erst als ein Ingenieurbüro die Wirtschaftlichkeit dieser Idee nachwies, änderte sich das. Blasenbrei-Wurtz und andere treibende Kräfte der Agenda-Gruppe schrieben es später ihrer eigenen Hartnäckigkeit zu, dass zwischen Kläranlage und Freibad eine Reihe von umweltfreundlichen Energieanlagen entstanden sind. Die Reibereien zwischen Agenda-Gruppe, Stadt und Gemeinderat ließen nach. Das musste später auch Bürgermeister Steffen Bühler anerkennen. „Es hat Bewusstseinsbildung gebraucht“, sagte er im Gespräch mit der BZ: „Wir haben aneinander wachsen müssen.“

Finanzielle Vorteile

Was die Annäherung erleichtert haben dürfte, sind die finanziellen Vorteile der Energieerzeugung im lokalen Umfeld. Die Stadt führte später für ihre eigenen Gebäude ein Energiemanagement ein und konnte Jahr für Jahr Einsparungen nachweisen. Nachhaltige Energiepolitik ist heute Standard. So wird selbst das Flüchtlingsheim über ein Blockheizkraftwerk vom nahen Freibad aus mit Strom und Wärme versorgt.

2014 hat die Agenda-Gruppe ihre Anstrengungen in einem „Erneuerbare Energien-Pfad“ dokumentiert. Er führt zu elf Stationen, an denen erneuerbare Energie erzeugt wird, darunter die Ernstsche Mühle. Insgesamt produzieren die vorgestellten Anlagen etwa 28 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr, hebt Agenda-Sprecher Heinrich Blasenbrei-Wurtz in der dazu gehörigen Broschüre hervor.

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