Besigheim Eine Powerfrau an der Orgel

 Janette Fishell an der Orgel in der Besigheimer Stadtkirche.
Janette Fishell an der Orgel in der Besigheimer Stadtkirche. © Foto: Susanne Walter
Besigheim / Susanne Yvette Walter 03.09.2018

Kaum ein Instrument hat so viele Klangfarben wie die Kirchenorgel. Der Haken: Das ist wohl zu wenig bekannt. Im Rahmen des Internationalen Orgelzyklus 2018 in der Besigheimer Stadtkirche geben sich Weltgrößen an der Orgel das Manual in die Hand, leider oft vor einem überschaubaren Kreis an Zuhörern. Hohe Kunst und perlend leichtes Spiel liegen hier ganz nahe beieinander. Das zeigte am Samstagabend einmal mehr Janette Fishell, Konzertorganistin aus den USA.

Feines Fingerspitzengefühl

Janette Fishell ist Dozentin an der Indiana University in Bloemington in den USA. Als Vorbild für ihre Studenten ist die Konzertorganistin an Perfektion gewöhnt und hat kein Problem damit, ein Soloprogramm zu bestreiten, das im Barock bei Altvater Bach beginnt und in der Postmoderne endet. Ihr Thema in Besigheim: Die geistliche Musik in ihren Tiefen und Untiefen, mal atonal, mal grotesk, mal sakral im Bachschen Sinne und mal geprägt von Melancholie und Wut. Raserei und Träumerei begegnen sich, und das alles, weil Janette Fishell als Herrscherin über die Tasten ein feines Fingerspitzengefühl für die Orgel mitbringt.

Fishell unterrichtet neben dem Fach „angewandte Orgel“ auch Orgelpädagogik und versteht es bei der Zusammenstellung des Programms, aus dem Vollen zu schöpfen. Der Thomaskantor darf beim Konzert in Besigheim nicht fehlen. Ihm gebühren gleich die ersten Stücke, Fuge und Fantasie, eine Klavierübung und sakrale Glaubensbekenntnisse. Eine Toccata braucht es nicht mal, um die Amerikanerin in Fahrt zu bringen. Sie ist sofort in ihrem Element und steckt ihr Publikum auch gleich an. Auf der Empore ihr gegenüber haben sich etliche Zuhörer niedergelassen. Andere sitzen unten im Hauptschiff der Kirche und lassen Gänsehautschauer über ihren Rücken laufen. Janette Fishell ist eine Powerfrau an der Orgel.

Die Literatur, die sie nach Besigheim mitgebracht hat, ist alles, nur nicht von der Stange. Fishell ist bekannt für ihr breites Repertoire und gibt gerne Komponisten eine Plattform, die sonst nur in Kenner- und Liebhaberkreisen einen Namen haben. Zu ihnen gehören die wenig bekannte englische Komponistin Ethel Smyth, 1944 gestorben, Petr Eben, 2007 gestorben, die amerikanische Komponistin Elisabeth Brown „Libby“ Larsen und der Schweizer Organist und Komponist Lionel Rogg. Beide widmen sich heute noch der modernen geistlichen Musik und dozieren wie sie selbst. Lionel Rogg zum Beispiel, von dem die Organistin eine Patita sopra hören lässt, unterrichtet an der Royal Academy of Music in London.

Publikum stockt der Atem

Weil Frauen an der Orgel jahrhundertelang eine Ausnahmeerscheinung waren, nimmt die Organistin gerne Komponistinnen ins Boot, die es zu Lebzeiten schwer hatten, sich durchzusetzen. Das hat Janette Fishell nicht. Ihr Konzert in Besigheim überschreibt sie mit dem Titel Hymnus Paradisi und greift gezielt Hymnen auf in Lateinisch und Deutsch. Janette Fishell zeigt sich als aufgeschlossene Interpretin, die innovativen Komponisten wie dem Tschechen Petr Eben im offenen Dialog begegnet und seine Werke als Herausforderung an sie selbst und ans Hörerohr in ihr Programm aufnimmt.

Die Klangfarbenfülle bestimmt den Abend. Dem Publikum stockt immer wieder der Atem, wenn die Organistin in tonalen Schräglagen minutenlang Melodien minimalistisch umschichtet und Jahrmarktgeräusche etwa von einem Leierkasten sich ins sakrale Hörverständnis mischen. Später rauscht minutenlang ein verdienter Schlussapplaus für Janette Fis­­hell, die sich strahlend verbeugt auf der Empore der Stadtkirche.

Info Noch ein letztes Konzert hat der Internationale Orgelzyklus 2018 in Besigheim zu bieten. David Franke von der Musikhochschule in Freiburg veranstaltet am Sonntag, 11. November, um 19 Uhr ein festliches Orgel- und Improvisationskonzert in die Besigheimer Stadtkirche.

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