Stolpersteine“, eine Initiative des Künstlers Gunter Demnig, erinnern heute europaweit an die Schicksale von Menschen, die wegen ihrer religiösen und politischen Einstellung in der NS-Zeit verfolgt wurden. In Besigheim sind bereits sieben „Stolpersteine“ vor den ehemaligen Häusern oder Wohnungen der Opfer verlegt worden. Ein achter der kleinen quadratischen Betonsteine mit Messinginschrift ist am Samstag in der Urichstraße 32 vor der Neuapostolischen Kirche hinzugekommen, wo er von Gunter Demnig verlegt wurde. Er ist Frida Dippon gewidmet, die in der Landespflegeanstalt Grafeneck mit gerade einmal 43 Jahren ihr Leben verlor.

Bereits im September 2010 wurde der erste Stolperstein in Besigheim verlegt. Die Steine erinnern an Frauen und Männer, die aufgrund ihrer geistigen und körperlichen Behinderung der Euthanasie-Aktion T4 zum Opfer fielen und in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet wurden. Die bisher sieben Stolpersteine stehen für: Heinrich Bauer (1909-1940), Anna Maria Difliff (1890-1940), Alfred Händel (1909-1940), Friederike Müller (1887-1940), Marie Schlienz (1867-1940), Rupprecht Villinger (1914-1940) und Marie Friederike Zehender (1872-1940).

Seit Jahren recherchiert die Ottmarsheimerin Margit Stäbler-Nicolai die Lebensläufe dieser Menschen, die dem NS-Regime in Besigheim zum Opfer gefallen sind. „Mit Ruprecht Villinger war mein Interesse geweckt“, erzählte sie im Gespräch mit der BZ. Für die Biografien sei es notwendig in verschiedenen Archiven zu recherchieren, so zum Beispiel im Staatsarchiv in Ludwigsburg. Dort lagern viele Akten der Heilanstalten. Es gibt dort Aufnahme- und Abgangsbücher und Krankenakten.

Einige der Besigheimer Opfer waren in der Nervenklinik in Tübingen, bevor sie in eine Anstalt eingewiesen wurden. „Da kann man dann Glück haben und im dortigen Universitätsarchiv fündig werden“, nennt Nicolai ihre Quellen. Und natürlich gibt es auch Akten im Bundesarchiv in Berlin und im Stadtarchiv von Besigheim.

Doch nicht immer wird sie dort fündig: „Manchmal geht es auch nicht vorwärts. Da muss man geduldig sein. Bei Frida Dippon war es lange unklar, wo ihr letzter selbstgewählter Wohnort war – an dem wird der Stolperstein verlegt“, erklärt Margit Stäbler-Nicolai. Im Fall von Frida Dippon habe Stadtarchivarin Sandy Krüger lange gesucht. Die Adresse hat sie bei den Stimmlisten für eine Wahl gefunden.

„Ich versuche natürlich auch immer noch etwaige Verwandte zu finden. Manchmal habe ich Glück. Die Urenkelin von Marie Schlienz lebt sogar noch in Besigheim, auch die große Verwandtschaft von Rupprecht Villinger kam zur Stolpersteinverlegung oder die Nichte von Alfred Händel. Manche Verwandte wissen nichts über die Todesursache und andere wieder können viel erzählen“, berichtet Margit Stäbler-Nicolai und fügt hinzu: „Ich hoffe mit den Stolpersteinen ein wenig die Menschen zu sensibilisieren. Gegen das Vergessen.“

Das Schicksal von Frida Dippon macht heute noch Gänsehaut: Sie wurde am 20. November 1896 in Großsachsenheim geboren. Mit 21 Jahren heiratet sie Ernst Dippon. Er arbeitet als Pförtner bei der Besigheimer Farbenfabrik. Seine religiöse Heimat hat das Paar in der neuapostolischen Kirche, wo Ernst Dippon Vorsteher ist. 1923 zieht das Paar in den Neubau der Gemeinde in der Ulrichstraße zusammen mit seinen beiden Kindern Ernst und Hugo.

Sohn Ernst kommt am 31. Dezember 1942 im Zweiten Weltkrieg um. Die Mutter Frida Dippon erlebt den Tod ihres Sohnes nicht mehr. Sie verlor selbst am 25. Januar 1940 ihr Leben in Grafeneck. Ihr Leben war geprägt von Leid: Im Jahr 1926 kam die Besigheimerin als „geistig gestört“ in die Tübinger Universitätsklinik. Doch schon sieben Monate später kommt sie als „ungeheilt“ wieder zurück. Ein Jahr später kommt sie nach Weinsberg in die Staatliche Heilanstalt. Dort fristet sie 13 Jahre lang ihr Dasein.

Die Konsequenz.: Ihre Ehe geht in die Brüche und wird 1930 geschieden. Im Januar 1940 wird sie schließlich zusammen mit anderen Frauen nach Grafeneck gebracht und in der Tötungsanstalt noch am gleichen Tag umgebracht. Die Begründung für diese Morde liegt in der  Euthanasie-Aktion T4, die geistig kranke Menschen als „unwürdiges Leben“ abstempelte und damit deren Eliminierung begründete.