Walheim Ein Rathaus ohne Schultes

Walheim / Roland Willeke 09.08.2018

Ein Dorf ohne Bürgermeister! Was vor einigen Monaten angesichts des bevorstehenden Wechsels von Bürgermeister Albrecht Dautel nach Bönnigheim einen gestandenen Walheimer Gemeinderat dazu brachte, ernsthaft und öffentlich über eine Fusion mit der Nachbarstadt Besigheim nachzudenken (die BZ berichtete), erweist sich in der Praxis als durchaus beherrschbarer Zustand – zumindest übergangsweise.

Zwar werden schwäbische Schultheißen mitunter gern auch als „Könige“ ihrer Kommunen tituliert, aber deshalb wird die Zeit zwischen zwei Bürgermeistern noch lange nicht zum Interregnum, der schrecklichen kaiserlosen Zeit des 13. Jahrhunderts. Dafür sorgt in Walheim, zusammen mit der eingespielten Gemeindeverwaltung und dem Gemeinderat, Wilhelm Weiss, seit 34 Jahren Gemeinderat und seit 1994 von seinen Gemeinderatskollegen immer wieder zum stellvertretenden Bürgermeister gewählt.

Mit ruhiger Hand und Augenmaß vertritt der 69-jährige Betriebswirt im Ruhestand, der das Dorf und seine Leute wie seine Westentasche kennt, die Gemeinde nach außen. Im Innenverhältnis hat derzeit der zweitwichtigste Mann im Rathaus, Kämmerer Jürgen Bothner, das Sagen.

Fünf bis zehn Stunden

Dass er inzwischen Ruheständler ist, kommt Wilhelm Weiss bei seiner Aufgabe durchaus zupass. „Es kommt mehr auf einen zu, als man vorher denkt“, hat er inzwischen erfahren. Immerhin, so schätzt er, verbringt er fünf bis zehn Stunden pro Woche auf dem Rathaus oder bei Terminen, bei denen sich der Bürgermeister oder sein Stellvertreter zeigen sollten oder müssten.

So wie vor wenigen Tagen, als sich eine illustre Runde von Vertretern des Regierungspräsidiums und des Landratsamts in Anwesenheit der hiesigen Bundestags- und Landtagsabgeordneten noch einmal die Situation an der Enzbrücke besah, wo die Anliegerkommunen Besigheim und Walheim mit dem Bundesverkehrsministerium über Kreuz liegen, weil sie eine Radfahrerunterführung wünschen, die den Verkehrsplanern aber im Moment zu teuer ist. Ergebnis: Die Hoffnungen auf einen sofortigen Bau der Unterführung schwinden weiter.

Daneben gibt es auch eine stattliche Anzahl durchaus angenehmer Termine, wie Besuche bei Altersjubilaren und goldenen Hochzeitern, die sich freuen, an ihrem Ehrentag einen Händedruck vom Schultes oder dessen Vertreter zu bekommen. Ganz zu schweigen von den Kindern der Dorfranderholung, die über das Eis jubeln, das der Bürgermeister alljährlich spendiert und persönlich verteilt.

Aus dem Alltagsgeschäft der Verwaltung hält sich Wilhelm Weiss so weit wie möglich heraus. Er will seine vorübergehende Rolle als Bürgermeisterstellvertreter nicht überbewerten und allzu sehr in den Vordergrund rücken. Am Schreibtisch des Bürgermeisters nimmt er nur auf Wunsch des Fotografen und dessen gutem Zureden Platz.

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