Besigheim Ein Quadratmeter: Mosaik wird mit Füßen getreten

Ein Quadratmeter Kunst am Bau: Der Besigheimer Stadtbaumeister Andreas Janssen tritt auf ein Stelzig-Mosaik in der Stadthalle Alte Kelter.
Ein Quadratmeter Kunst am Bau: Der Besigheimer Stadtbaumeister Andreas Janssen tritt auf ein Stelzig-Mosaik in der Stadthalle Alte Kelter. © Foto: Martin Kalb
Besigheim / MICHAEL SOLTYS 02.06.2015
Als Ende der 80er-Jahre die ehemalige Kelter in Besigheim zur Stadthalle umgebaut wurde, entwarf Künstler Fred Stelzig die Fußbodenmosaike. Tausendfach von Füßen getreten, erinnern sie an die historische Funktion des Gebäudes.

Direkt am Eingang zum großen Saal vom Kelterplatz her legt Stadtbaumeister Andreas Janssen den Meterstab aus. Der Quadratmeter, den er absteckt, besteht aus einem Mosaik, dessen Teile erst auf den zweiten Blick von der Brüstung der Stadthalle herab ein Bild ergeben: Eine Weintraube ist zu erkennen, gesprenkelt mit einzelnen roten Beeren, daneben ein Blütenkelch in Rot-, Lila- und Brauntönen.

Etwa 25 Jahre ist das Mosaik alt, tausende Menschen sind seitdem darauf herumgetrampelt, bei privaten und städtischen Festen, bei Konzerten und Ausstellungen. Musiker haben ihre Gerätschaften über den Fußboden geschoben, Handwerker ihr Werkzeug. Und dennoch hat sich das Mosaik gut gehalten.

Einzelne Bruchstellen in der Keramik, im Glas und in den verwendeten Muschelkalksteinen sind zu erkennen, doch das Gesamtbild ist unzerstört. Mit den floralen Motiven, die den Fußboden von Eingangshalle, Vorraum und Festsaal schmücken, wollte der Besigheimer Künstler Fred Stelzig an die historische Verwendung des Gebäudes als Kelter erinnern. Beim Umbau der 1591 errichteten Kelter Ende der 1980er-Jahre bekam er die künstlerische Gesamtleitung, die Andreas Janssen, dem Stadtbaumeister, auch heute noch Respekt abverlangt.

"Stelzig war ein Künstler und Arbeiter vor dem Herrn", stellt Janssen beim Rundgang durch das Erdgeschoss fest. Jedes einzelne Mosaik hat er als Modell in Pappe vorgefertigt und die Farben der Steine geprägt, um die Wirkung vorab zu überprüfen. Unter seiner Anleitung haben Fachfirmen die Mosaike verlegt und die Teile in die umgebenden Platten aus Muschelkalk eingepasst. "Das muss gekonnt sein", sagt Janssen. An den Seiteneingängen wurden ebenso Mosaike verlegt wie an der Eingangstür, die vom Kelterplatz ins Foyer führt. Robustheit dürfte eine der Vorgaben gewesen sein: "Denn schließlich kommen auch Menschen mit Pfennigabsätzen in die Alte Kelter", erläutert Janssen und zeigt an einzelnen Bodenplatten, wo sie ihre Spuren in Form von Löchern hinterlassen haben.

Würde man die Bodenplatten anheben, stieße man auf einen Bau aus historischer Zeit, der beim Umbau im Kern unverändert erhalten wurde: den Gewölbekeller. Er wurde mit einer eigenen Statik errichtet, die heutige Stadthalle ist gewissermaßen "drumherum" gebaut, erläutert Janssen. In den Hohlräumen zwischen den Bögen des Kellers und dem Fußboden der Stadthalle verlaufen die Kabel und Installationen, die für den Betrieb der Halle notwendig sind.

Viele Jahrzehnte diente der Gewölbekeller als Fasslager. Dafür war er optimal geeignet, weil er die Temperaturen "nivellierte", so Janssen, der Wein damit nur geringen Schwankungen ausgesetzt war. Noch heute stehen 16 große Holzfässer in dem Keller, das größte mit einem Fassungsvermögen von 27 470 Litern. Mehr als eine Erinnerung an die vergangenen Zeiten sind sie aber nicht. Eher schon eine Belastung. Denn da sie nicht mehr befüllt werden, schrumpeln sie. Zwischen 3000 und 3500 Euro netto pro Stück kostete eine Sanierung. Da ist der Keller, der 2009 zu einer Veranstaltungsstätte umgerüstet wurde, weitaus haltbarer. "Wenn nicht ein Erdbeben passiert, braucht man auf Jahrtausende nichts am Gewölbe machen", sagt Janssen. Es übersteht auch den nächsten Umbau.

Info In der Serie "Ein Quadratmeter" sind bisher fünf Artikel erschienen. Welchen Einfluss der Boden in den Steillagen auf die Qualität des Weins hat, wurde in der BZ ebenso geschildert wie der Untergrund unter einem Kanaldeckel oder die Lebewesen im Klärschlamm. Ein Badesee, der gar keiner ist, und die Flora und Fauna auf einem Quadratmeter Streuobstwiese waren weitere Themen. Die BZ-Serie endet an diesem Freitag. In weiteren Beiträgen geht es um den Aufbau von Straßenasphalt und der Eisfläche, über die während der Bundesliga-Saison die Eishockey-Profis der Steelers flitzen.

Fred Stelzig stattete gesamte Stadthalle mit Kunst aus

Untere Burg Die heutige Stadthalle Alte Kelter wurde 1591 als Wirtschaftsgebäude der unteren Burg errichtet, die Ende des 17. Jahrhunderts von Truppen Ludwigs des XIV. im Zuge des Pfälzischen Erbfolgekrieges zerstört wurde. Von 1938 bis 1973 hatte die Weingärtnergenossenschaft Besigheim hier ihren Sitz. Nach dem Zusammenschluss mit der Weingärtnergenossenschaft Hessigheim zur Felsengartenkellerei Besigheim im Jahre 1972, wurden die Traubenanlieferung und der Weinausbau in einen Neubau unterhalb der Felsengärten verlegt. Für ein paar Jahre stand die Kelter leer. 1986 bis 1989 wurden der komplette Kelterplatz umgebaut und darunter eine Tiefgarage mit fünf Ebenen angelegt. Das Keltergebäude erhielt seine heutige Gestalt als moderne Stadthalle. Die historischen Elemente des Gebäudes wurden, so gut es ging, erhalten. Das gilt insbesondere für den große Gewölbekeller mit den Holzfässern.

Kunst am Bau Die in den Fußboden eingelassenen Mosaike in der Alten Kelter stammen ebenso wie die Portale über den Bühnen von dem Besigheimer Künstler Fred Stelzig. Er wurde am 13. April 1923 im sudetendeutschen Hundorf geboren. Nach der Kriegsgefangenschaft zog er 1945 nach Besigheim, wo seine Verlobte Annelies lebte. Ab 1946 studierte er Malerei an der Freien Kunstschule und Keramik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Bis zu seinem Tod am 16. Juli 2006 führte Stelzig zahlreiche Aufträge für Kunst am Bau durch, entwarf Wandteppiche und schuf Gemälde und Grafiken.

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