Besigheim Drei weitere Stolpersteine

Dieser Stein befindet sich vor dem Gebäude Bahnhofstraße 17. Foto: Martin Kalb
Dieser Stein befindet sich vor dem Gebäude Bahnhofstraße 17. Foto: Martin Kalb
Besigheim / CHRISTIAN BRINKSCHMIDT 12.02.2014
Vier Stolpersteine im Gedenken an hiesige Euthanasie-Opfer hat der Kölner Bildhauer Gunter Demnig bislang in Besigheim verlegt. Jetzt fertigt Demnig drei weitere Exemplare an.

Rupprecht Villinger, der einer angesehenen Besigheimer Familie entstammte, wurde nur 26 Jahre alt. Er starb 1940 als eines der unzähligen Opfer der berüchtigten und mit dem Kürzel "T4" versehenen Euthanasie-Morde im "Dritten Reich", die allgemein als Vorstufe zum späteren Holocaust gewertet werden. Mit Rupprecht Villinger wurden im Verlauf der "T4"-Verbrechen allein in Schloss Grafeneck bei Gomadingen über 10 600 Kranke und Behinderte in der Gaskammer ermordet. Über das Schicksal von Opfern der Euthanasie-Aktion aus Besigheim recherchiert Margit Stäbler-Nicolai seit Langem. Bereits vor rund vier Jahren hatte die Künstlerin aus Ottmarsheim Kontakt zum Kölner Bildhauer Gunter Demnig aufgenommen, der mittlerweile weltweit seine Stolpersteine verlegt hat. Damit will Demnig ein Zeichen gegen das Vergessen setzen und an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern, deren Namen er jeweils in eine Messingplatte auf der Oberseite des Steins eingraviert hat.

Den ersten Besigheimer Stolperstein hatte Demnig 2010 im Gedenken an Rupprecht Villinger vor dessen früherem Wohnhaus in der Bahnhofstraße 17 platziert. Seit dem August 2012 erinnern zwei Stolpersteine vor den Gebäuden in der Vorstadt 32 und 19 an Friederike Müller und Alfred Händel sowie ein Exemplar in der Hauptstraße 19 an Heinrich Bauer. Alle drei fanden wie Villinger 1940 in Grafeneck ein gewaltsames Ende.

Nun hat Stäbler-Nicolai die Biografien von drei weiteren Besigheimer Frauen erforscht, die in Grafeneck vergast wurden und sich erneut mit Demnig in Verbindung gesetzt. Anna Maria Difliff und Marie Friederike Zehender erblickten 1890 und 1872 in Besigheim das Licht der Welt. Marie Schlienz wurde zwar 1867 in Holzgerlingen geboren, zog aber vermutlich Ende 1892 mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach Besigheim. Im November will der Künstler ein weiteres Mal aus Köln anreisen und zur Erinnerung an die Frauen drei Gedenksteine in die Erde setzen.

Der Leidensweg der sieben Besigheimer Euthanasie-Opfer endete nach den Recherchen von Stäbler-Nicolai jeweils immer gleich: im Jahr 1940, unmittelbar nach der Ankunft in Grafeneck in der Gaskammer. Um die Wahrheit zu vertuschen, fälschten die Nazi-Behörden jeweils das Sterbedatum und den Sterbeort der Ermordeten im Familienregister. Damals sickerten in der Bevölkerung mehr und mehr Informationen über die grausamen Vorkommnisse durch. Anna Maria Difliff war die Tochter des Weingärtners Gottlob Friedrich Difliff und wohnte zunächst in der Vorstadt 14, später in der Bietigheimer Straße 1. Sie wurde im Oktober 1937 mit der Diagnose "Schizophrenie" in die Heilanstalt Weinsberg eingeliefert und von dort aus nach Grafeneck in den Tod geschickt.

Marie Friederike Zehenders Vater hieß Immanuel Zehender und war Fischer. Die Zehenders lebten in der Vorstadt 5. Im Alter von zwei Jahren verlor Marie aufgrund einer Krankheit das Gehör und kam 1897 zunächst in die Paulinenpflege, 1903 dann in die "Heil- und Irrenanstalt" nach Winnenden. Von dort wurde sie nach Weinsberg und 1921 in die Landesarmenanstalt nach Markgröningen verlegt. Marie Schlienz wohnte nach ihrem Umzug nach Besigheim erst in der Friedrichstraße 5, danach vermutlich in der Aiperturmstraße 5. Marie Schlienz wurde von Weinsberg, Marie Friederike Zehender von Markgröningen aus nach Grafeneck transportiert. Bei ihren Recherchen bekam Stäbler-Nicolai Hilfe von Sandy Krüger, der künftigen Archivarin. Die Finanzierung der drei neuen Stolpersteine ist laut Stäbler-Nicolai bereits gesichert. "Es haben sich schon Spender bei uns gemeldet", berichtete sie.

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