Schwerpunkt Integration Deutscher, Italiener, Weltbürger

Vincenzo Basile auf der Terrasse seines Wohnhauses in Erligheim.
Vincenzo Basile auf der Terrasse seines Wohnhauses in Erligheim. © Foto: Helmut Pangerl
Michael Soltys 04.08.2018

Für manche Menschen „bist Du immer der Italiener und in Italien bist Du der Deutsche“. Das ist für Vincenzo Basile eine unumstößliche Tatsache, aber eine, die ihn nicht im geringsten belastet. „Du musst verstehen, wer Du bist“, sagt er, „und Du musst dazu stehen“. Und nach sieben Kindheitsjahren in einem Dorf nahe Neapel und 52 Jahren in Deutschland, genauer gesagt im Schwäbischen, ist es eben so: „Ein Großteil von mir ist deutsch, der andere Teil ist Italiener.“ Das macht er auch jedem deutlich, der das nicht auf Anhieb verstehen will, beispielsweise seinem Autohändler, der ihn jüngst fragte, wie ihm der Urlaub in seiner Heimat gefallen hat. „Was redet der“, fragte sich der 59-jährige Basile. „Meine Heimat ist seit 52 Jahren hier.“

Hier: Das war erst Löchgau und später, als er Anfang der 90er-Jahre einen Bauplatz bekam, Erligheim. Es waren glückliche Jahre, die er als Kind in Löchgau verbringen durfte, erinnert er sich. Als Siebenjährigen holten ihn seine Eltern, beides Bauern, nach Deutschland nach, als sie sich eingerichtet hatten.

Schon die Welt des Vaters, sagt er, „das war Löchgau“. Vater und Mutter arbeiteten bei der SWF in Bietigheim, heute Valeo. Die ältere Tochter hatten sie gleich mit nach Deutschland genommen, die drei Jungs – Vincenzo war der Jüngste ­– wurden in eine Klosterschule bei Neapel gegeben.

In Löchgau habe er sich schnell eingelebt. Natürlich hänselten ihn die anderen schon mal als „Spaghetti“, aber „Ablehnung haben wir als Kinder nie gespürt“, sagt er. Schöne Erinnerungen habe er behalten an  die damalige Vermieterin Lina Fees oder an den Schmied und Flaschner Ernst Griesinger, bei dem er nach der Schule auch gearbeitet habe. Heute liebe er den schwäbischen Dialekt genauso wie den neapolitanischen.

Das Deutsche an ihm, das sei die Pünktlichkeit, die Verlässlichkeit, das Gefühl für Recht und Ordnung. „Ich stehe zu dem, was ich sage“, so Basile.

Vielleicht ist das ein Grund, warum ihn seine Kollegen seit Jahrzehnten in den Betriebsrat wählen. Seit 27 Jahren ist er Vorsitzender des Gremiums bei der ZF in Bietigheim, heute ein Teil von Bosch Automative Steering. Lang ist die Liste weiterer Gremien, in denen sich Basile engagiert, in der SPD, in der IG Metall, bei der Agentur für Arbeit oder für italienische Landsleute.

Fünf Jahre lang war er auch Gemeinderat in Erligheim.  „Die Dinge zu gestalten und nicht einfach hinzunehmen, Verbesserungen zu erreichen“, das sei ihm immer wichtig gewesen. Manchmal hilft ihm dabei seine italienische Seite, das Temperament, die Ungeduld, das Talent, die Dinge auch etwas gelassener zu sehen. „Ich bin nicht quadratisch, praktisch gut“, sagt er: „Mit mir kann man hervorragend streiten.“

Viele Arbeitskollegen Basiles kommen aus der Türkei. Für den Rücktritt von Mehmet Özil aus der Nationalmannschaft hat er Verständnis, wenn er dessen Treffen mit Erdogan auch für grundfalsch hält. Türken seien zu einem respektvollen Umgang erzogen worden, die Bindung an die eigene Herkunft sei sehr ausgeprägt. Die Eltern legten aber auch Wert auf Bildung und gesellschaftliches Vorankommen. Umso schmerzhafter sei es dann, wenn sie abgelehnt werden: etwa bei Bewerbungen um eine höhere Position oder auch, wenn es um einen Bauplatz in ihrer Heimatgemeinde geht. Und das passiert, „nur weil ein ausländischer Name auf dem Bewerbungsschreiben steht“, sagt Basile. Kein Wunder, wenn man sich dann zurückzieht.

Und trotzdem: „Lamentieren hilft nicht“, sagt Basile. Es falle leichter, mit Vorurteilen umzugehen, wenn man die richtige Einstellung zu sich selbst habe. Dass er beide Seiten in sich vereinigen kann, die deutsche und die italienische, das sei ein ebenso großes Glück wie die Bekanntschaft mit Menschen aus Griechenland, der Türkei oder Kroatien. „Wäre ich in meinem italienischen Heimatdorf geblieben, dann hätte ich diese Option doch nie gehabt“, sagt er.  Kommt ihm trotzdem jemand krumm wegen seiner Herkunft, „dann stelle ich den“, sagt er, dann fragt er sein Gegenüber ins Gesicht: „Was heißt das denn für dich, dass ich Italiener bin?“

Trotz der Verbundenheit zu seiner schwäbischen Heimat ist Basile den Schritt noch nicht gegangen, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Der Grund ist denkbar einfach: Es ärgert ihn, dass er nach mehr als fünf Jahrzehnten in Deutschland und einem lückenlosen Berufsleben noch immer einen Fragebogen ausfüllen und einen Test durchlaufen muss, um auch formal ein Deutscher werden zu können.

Vom Nationalgedanken hält er wenig. Fahnen am Haus oder am Auto, das ist nicht seine Sache. Im Grunde sieht er sich als Demokrat und „Weltbürger“. Ob man nun Italiener oder Deutscher ist: „Man wird deshalb kein anderer Mensch.“

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