Besigheim Deutsch lernen stand am Anfang

Besigheim / Michael Soltys 28.08.2018

Als sich der Besigheimer Gemeinderat im November 2015 entschloss, auf dem Wasen oberhalb des Freibades Unterkünfte für Flüchtlinge zu bauen, da spielte eine Überlegung eine besondere Rolle: Zwischen 1990 und 2000 waren an der selben Stelle in mehreren Gebäuden bis zu 350 Spätaussiedler untergebracht, darunter viele „Russlanddeutsche“, deutschstämmige Menschen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, aber auch aus Russland selbst. Sie mussten damals ebenso betreut, versorgt und integriert werden wie die aktuellen Flüchtlingen aus Gambia, Nigeria, Somalia, Afghanistan und anderen Staaten. Insgesamt sei dies „gut gelungen“, findet Helmut Mergenthaler. Er war im Auftrag der Diakonie fünf Jahre lang als Sozialarbeiter in engem Kontakt mit den Menschen  im Heim und ist heute im Ruhestand.

Beengte Verhältnisse

Es waren sehr beengte Verhältnisse, unter denen die Spätaussiedler damals leben mussten, erinnert sich Mergenthaler im Gespräch mit der BZ aus Anlass des Tags der Russlanddeutschen. Zwei Familien teilten sich jeweils eine Küche und ein Bad. Für sich selbst hatten sie nur einen weiteren Raum zur Verfügung, der häufig genug mit vier bis sechs Personen belegt war. In den Gebäuden, die dem Land Baden-Württemberg gehörten, aber vom Personal des Landkreises verwaltet wurden, lebten die Menschen aus verschiedenen früheren Sowjetrepubliken zusammen mit anderen Spätaussiedler, darunter ein großer Teil aus Rumänien. An erster Stelle stand für viele Spätaussiedler die Beherrschung der deutschen Sprache. Denn deutsch sprachen häufig damals nur die älteren Menschen, erinnert sich Mergenthaler, unter den jüngeren war es weniger verbreitet. Manchmal sprach auch nur ein Ehepartner deutsch, der andere russisch. „Der hat sich dann schon schwer getan“, erzählt der Diakon. Mit Deutschkursen und Nachhilfeunterricht  versuchten die Helfer, die Grundlage für die Integration zu schaffen. „Das war das A und O“, sagt Mergenthaler.

Neben der Diakonie waren auch die Caritas und die Arbeiterwohlfahrt mit Sozialarbeitern im Spätaussiedlerheim vertreten. In eigenen Büros halfen sie die Papierarbeit zu erledigen. Für die Rusllanddeutschen, die häufig genug „nur mit ein paar Tüten“ anreisten, war die erste Begleitung besonders wichtig. „Sonst geht das auf Dauer nicht gut“, so die Erfahrung des damaligen Diakons. Am schnellsten haben sich die kleineren Kinder eingelebt, meint er, mancher pubertierende Jugendliche hatte damit größere Probleme. Der eine oder andere „hatte gar nicht nach Deutschland gewollt“.

Was diese Menschen zurücklassen mussten, erlebte Mergenthaler bei einer einer eigenen Reise nach Almaty, der Hauptstadt Kasachstans. Die Älteren seien damals von der Verwandtschaft getrennt worden, die schon vorher von dort weggezogen sei. Darunter litten sie. Nach dem Umzug nach Deutschland „konnten die Alten ihre Enkel nicht mehr sehen“.

Mit Festen und Veranstaltungen sei man damals darum bemüht gewesen, den Kontakt der Spätaussiedler mit den Besigheimern aufzubauen. Das sei jedoch nicht immer gelungen. Die Vereine seien nur schwer zur Teilnahme zu bewegen gewesen. Seinem Eindruck nach habe es auch Vorbehalte gegenüber „denen da draußen beim Freibad“ gegeben. Die Stadt Besigheim habe sich dagegen sehr bemüht, damit sich Kinder in Kindergärten und Schulen einleben konnten.

Viele Spätaussiedler, die Mergenthaler bis heute trifft, haben sich vollständig integriert, so seine Erfahrung, sind in Vereinen tätig oder in der Kirche. Die meisten haben sich auch gut in das Arbeitsleben eingefügt. Es gibt aber auch Familien, „die sich selbst genug sind“, wie er es ausdrückt, die wenig Kontakte nach außen haben, die zu Hause russisch sprechen und das russische Fernsehen verfolgen.

28. August: Der Tag der Russlanddeutschen

Der Tag der Russlanddeutschen erinnert an die Deportation der Deutschstämmigen innerhalb der Sowjetunion nach Sibirien, die am 28. August 1941 angeordnet wurde mit der Begründung, die Zusammenarbeit mit deutschen Truppen zu verhindern. Nach dem Ende der Sowjetunion wanderten viele von ihnen Russland als Spätaussiedler nach Deutschland aus. Zeitweise lebten bis zu 350 Menschen im Heim in Besigheim. bz

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