Bönnigheim Dem Bönnigheimer Kronenwirt gehörte auch der Hirsch

Helga Engster-Möck mit einem der Güterbücher, dem Bönnigheimer Grundbuch in historischen Zeiten, vor dem Haus in der Hauptstraße 44. Hier befand sich einst der Gasthof Hirsch, hat sie herausgefunden.
Helga Engster-Möck mit einem der Güterbücher, dem Bönnigheimer Grundbuch in historischen Zeiten, vor dem Haus in der Hauptstraße 44. Hier befand sich einst der Gasthof Hirsch, hat sie herausgefunden. © Foto: Werner Kuhnle
Michael Soltys 01.08.2018

Welchen Grundbesitz die Bönnigheimer in früheren Jahrhunderten hatten, ob ein kleines Haus, ein Anwesen mit Scheuern und Hof, Felder, Wiesen, Äcker, ob es Ärzte, Apotheker oder arme Bauern waren, das alles erschließt sich Helga Engster-Möck aus den Güterbüchern der Stadt Bönnigheim. Die Archivarin, die sich seit 2009 um die historischen Bestände des Archivs im Keller des Rathauses kümmert, listet die Angaben fein säuberlich in Excel-Listen auf und macht sie damit auch Dritten zugänglich.

Viel ist es noch nicht, was sie zusammentragen konnte, sagte Helga Engster-Möck im Gespräch mit der BZ. Aber es hat bereits gereicht, um einige angebliche Wahrheiten über Bönnigheim und seine Häuser richtigzustellen. Zum Beispiel die, der frühere Gasthof Hirsch habe neben der Stadtapotheke am Marktplatz gestanden. Stimmt nicht, sagt die Archivarin. Mindestens in den Jahren von 1641 bis 1709 war die Gaststätte „Zum goldenen/güldenen Hirsch“ in der Hauptstraße 44, im Gebäude, in dem seit Jahrzehnten die Firma „Elektro Seybold“ untergebracht ist. Das Haus wurde zwar in den 70er-Jahren entkernt und saniert, so Engster-Möck, doch ein Teil der historischen Substanz ist bis heute erhalten.

Den entscheidenden Hinweis fand Engster-Möck im Güterbuch von 1641. Dort werden eine Behausung, Scheune und Stall beschrieben, „die Herberg zum Hirsch“ genannt. Als Besitzer wird Hans Michael Gerung eingetragen, dem das Haus bis 1680 gehört. Ab 1709 wechselt der Name, es ist von der „Herberg zum Ochsen“ die Rede.

Engster-Möck stieß auf diese Informationen, als eine Familie Zanotta aus dem fernen Tasmanien sich nach ihren Vorfahren in Bönnigheim erkundigte. Die Familie Zanotta war vor 1750  von Italien nach Bönnigheim gekommen, fand Engster-Möck heraus. Ein Sohn war preußischer Soldat geworden und wiederum dessen unehelicher Sohn sei auf unbekannten Wegen nach Australien ausgewandert – unter dem Familiennamen seines Vaters.

Die Zanottas werden 1753 als Nachbarn der „Herberg zum Ochsen“ genannt, die damals im Besitz von Philipp Jacob Meurer war, dem Kronenwirt.  Mitglieder der Familie Meurer treten nicht nur als Besitzer der Krone, sondern auch des späteren Gasthofs Bären und des Gasthofs zum Hirsch, beziehungsweise Ochsen in Erscheinung, hat Engster-Möck herausgefunden.

Ein Haus als Erbe

Philipp Jacob Meurer erbte 1753 das Gebäude in der Hauptstraße 44 von seiner Mutter, diese hatte es den Erben des Vorbesitzers Dietel abgekauft. Meurer war wahrscheinlich der reichste Bürger in Bönnigheim, vermutet Engster-Möck. Ihm gehörten unter anderem die größten Gebäude an der unteren Hauptstraße: Krone, Hirsch und späterer Bären sowie mehrere weitere Häuser, Scheunen und vor allem Keller in allen Stadtvierteln.

Außerdem besaß Meurer sehr viele landwirtschaftliche Flächen. Der Wert seines Vermögens zum Zeitpunkt seines Todes beträgt vorsichtig umgerechnet rund 4,3 Millionen Euro, darunter Grundbesitz in Höhe von 1,3 Millionen, 207 000 Euro Bargeld sowie Wein- und Branntweinvorräte für 271 000 Euro. Sein Besitz wird später unter seine drei Töchter und seinen Sohn verteilt.

Sohn Philipp Christian Meurer erbt das Gebäude in der Hauptstraße 1794. Mit etwa 2,8 Millionen Euro gehört er ebenfalls zu den begüterten Bönnigheimern der damaligen Zeit. Er ist Kronenwirt und Bürgermeister.

Im Jahr 1823 kauft Johann Gottlob Melchior das Haus von Johann Ludwig Meurer. Er ist ein Färber, Stadtrat und Stadtpfleger, wie die Güterbücher vermerken. Er heiratet in zweiter Ehe 1843, wird aber nicht glücklich. Zwischen 1846 und 1848 ist er von seiner Frau getrennt und zahlt ihr Unterhalt, warum, ist unklar.

Wie es dazu gekommen ist, dass der Gasthof Hirsch lange Zeit am falschen Ort vermutet wurde, kann  Archivarin Engster-Möck heute nicht mehr nachvollziehen. Was ihre Quellen angeht, ist sie sich jedoch sicher, mit der Hauptstraße 44 die richtige Adresse gefunden zu haben: „Die Güterbücher sind für diesen Zeitraum eindeutig“, sagt sie.

Info Mit der Vorstellung des Hauses in der Hauptstraße 44 beginnt eine kleine Serie über die Geschichte bedeutender Bauten in Bönnigheim, die in Zusammenarbeit mit Stadtarchivarin Helga Engster Möck und Kurt Sartorius, dem Vorsitzenden der Historischen Gesellschaft, entstanden ist.

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