Landwirtschaft im Nebenerwerb Besitz oft nur von Staffel zu Staffel

Karl-Ludwig Scherr, Nebenerwerbslandwirt aus Hessigheim, zeigt in den Weinbergen über dem Neckar Trauben, die er beim „Ausgeizen“ geschnitten hat.
Karl-Ludwig Scherr, Nebenerwerbslandwirt aus Hessigheim, zeigt in den Weinbergen über dem Neckar Trauben, die er beim „Ausgeizen“ geschnitten hat. © Foto: Helmut Pangerl
Besigheim / Michael Soltys 26.08.2017

Unterschiedlicher könnten die beiden Betriebe kaum sein: Hier die Felsengartenkellerei in Hessigheim mit ihren mehreren Hundert Klein- und Kleinstbetrieben, die ihre Weinberge im Nebenerwerb bewirtschaften. Dort die Lauffener Weingärtner, deren 880 Hektar Rebfläche zum größten Teil von Landwirten, insgesamt 80 an der Zahl, im Hauptberuf bewirtschaftet werden, während es auf dem Gebiet der früheren Mundelsheimer Genossenschaft, die 2012 mit Lauffen fusioniert hat, nur acht Haupterwerbsbetriebe gibt. Das prägt die Arbeitsweise und den Umgang mit den Mitgliedern auf unterschiedliche Weise.

Haupterwerbsbetriebe stellen in der Regel die höheren Ansprüche an die Genossenschaft. Das stellen Dietrich Rembold, der Vorstandsvorsitzende  der Lauffener Weingärtner, und Götz Reustle, Vorstands­chef der Felsengartenkellerei, übereinstimmend fest. Das hängt schlicht damit zusammen, dass die Landwirte im Haupterwerb stärker den wirtschaftlichen Erfolg im Blick haben und sie betriebswirtschaftlich rechnen müssen.  Die Nebenerwerbler dagegen haben ihr „Stückle“ häufig geerbt, sie hängen daran. Die Bewirtschaftung ist Tradition in der Familie, das Einkommen daraus ein echtes Zubrot. Was nicht heißt, dass sie im Einzelfall weniger professionell sind. „Wir haben welche, die kennen jede Traube einzeln“, sagt Götz Reustle.

Es sind häufig lediglich Streifen von acht bis zehn Ar, die von den Nebenerwerblern bewirtschaftet werden. Laut Reustles Angaben besitzen 405 der 879 aktiven Betriebe in der Felsengartenkellerei, also nahezu die Hälfte, eine Rebfläche zwischen 11 und 30 Ar, viele davon in den Steillagen. Als Folge der württembergischen Erbteilung reicht ihr Besitz häufig nur von Staffel zu Staffel, sagt Reustle. Diese Kleinwengerter bewirtschaften aber nur knapp 80 der 700 Hektar Rebfläche der gesamten Genossenschaft. Allein die vier größten Betriebe der Genossenschaft bewirtschaften dagegen 126 Hektar.

Für die Nebenerwerbler ist die Genossenschaft unverzichtbar, um ihre Trauben vermarkten zu können. „Ohne Genossenschaft gäbe es die Kleinen nicht“, sagt Reustle. In ihrer Vielzahl seien sie ein guter Markenbotschafter für den Wein, und sie stehen für Stabilität. Ohne die Struktur des Nebenerwerbs, ist Reustle überzeugt, „hätten wir viele Steillagen nicht halten können“. Denn gerade die kleinen Wengerter rechnen den hohen Aufwand für die Bewirtschaftung und den Erhalt der Mauern nicht betriebswirtschaftlich durch. Sonst würden sie womöglich zum Ergebnis kommen, dass sich die schwere und zeitraubende Arbeit nicht lohnt.

Trotzdem geben viele Freizeit-Weinbauern auf, oft, wenn ein Generationenwechsel ansteht, wenn die ältere Generation die körperliche Arbeit nicht mehr leisten kann und die Jungen weit weg wohnen oder im Beruf ausgelastet sind. Allerdings werden „die Rebflächen insgesamt nicht kleiner“, sagt Marian Kopp, der geschäftsführende Vorstand der Lauffener Weingärtner. In diesen Fällen greifen die größeren Betriebe gerne zu. „Die Flächen werden angesaugt“, wie Kopp es ausdrückt.  Die Betriebe wachsen, „der Weinbau wird professioneller“, sagt Kopp. In Lauffen war in den vergangenen Jahrzehnten sogar die Tendenz zu beobachten, dass die ursprünglich gemischt arbeitenden Betriebe Flächen im Ackerbau aufgegeben haben, um einen Schwerpunkt im Weinbau zu setzen, sagt Dietrich Rembold. Dass die Lauffener Genossenschaft so viele Vollerwerbsbetriebe als Mitglieder hat, habe historische Gründe. Im Ort habe es auf insgesamt 2200 Hektar schon immer eine intensive landwirtschaftliche Kultur gegeben. Um die Erwerbsgrundlage zu sichern, „musste jeder Betrieb wachsen“.

Mit Betrieben, die auf Rentabilität und wirtschaftlichen Erfolg setzen und zu Investitionen bereit sind, ist auch der Wandel des Marktes leichter zu bewältigen, ist Rembold überzeugt. Bei einer kleinräumigen Struktur wie in Hessigheim ist dies schwieriger, räumt Götz Reustle ein. Das zeigt sich beim Versuch der Felsengartenkellerei, in den nächsten zehn Jahren in den Steillagen  einen bedeutenden Anteil des Trollingers durch hochwertige Sorten zu ersetzen, mit denen sich auf lange Sicht höherwertige und besser bezahlte Weine erzeugen lassen. Viele kleine Wengerter müssen überzeugt werden, ihre Rebstöcke zu roden und neu zu bepflanzen, dafür Geld in die Hand zu nehmen und auf Jahre hinaus auf Ertrag zu verzichten. Mancher Wengerter sagt dann klar: „Das überfordert mich.“

Der Trend zur Größe hält an

Weniger, dafür größere Betriebe – so lässt sich der Strukturwandel im deutschen Weinbau beschreiben. Wie das Deutsche Weininstitut (DWI) auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamtes mitteilt, hat sich die Zahl der Weinbaubetriebe von 2010 bis 2016 um 17 Prozent auf 16 898 verringert.  Gleichzeitig blieb jedoch die deutsche Gesamtrebfläche von rund 100 000 Hektar konstant, weil die aufgegebenen Rebflächen von den bestehenden Weingütern übernommen wurden – eine Entwicklung, die auch in Lauffen zu beobachten ist.

Mit einem Minus von 29 Prozent betrafen die Rückgänge insbesondere Betriebe mit weniger als einem Hektar Rebfläche. Die bestehenden 4300 Kleinstbetriebe machen in Deutschland  noch ein Viertel der Gesamtbetriebszahl aus.

In den letzten Jahren haben zahlreiche Weingüter in der Größenklasse zwischen einem und zehn Hektar aufgegeben. 2010 bewirtschafteten rund 11 500 dieser Betriebe 45 Prozent der Gesamtrebfläche, 2016 waren es nur noch rund 9 500 Betriebe mit einem Rebflächenanteil von 37 Prozent.

Deshalb spielen heute Weingüter mit mehr als zehn Hektar Weinbergen eine bedeutendere Rolle. Sie bewirtschaften heute 60 Prozent der Gesamtrebfläche. sol