Besigheim Besigheimer waren früher „gläserne Bürger“

Archivarin Sandy Krüger führte durch das Stadtarchiv von Besigheim.
Archivarin Sandy Krüger führte durch das Stadtarchiv von Besigheim. © Foto: MARTIN KALB
Besigheim / Uwe Deecke 11.01.2019

Das neue Besigheimer Stadtarchiv Ist eine Mischung aus Geschichte und High-Tech. Stadtarchivarin Sandy Krüger veranstaltete am Mittwoch dort eine von zwei Führungen im Jahr.

Die Stadt hat sich das „neue“ Stadtarchiv einiges kosten lassen, ist es doch das Gedächtnis Besigheims. Rund 1,2 Millionen Euro flossen in den Umbau der alten, denkmalgeschützten Scheune im Brühl 32, nachdem man zuvor noch im Rathausbau beheimatet war. Die Sommerhitze tat den alten Büchern nicht gut, und so ist hier im Bühl vieles mit moderner Technik gelöst. Die Temperatur wird beständig auf 16 Grad gehalten, die Luftfeuchtigkeit beträgt immer 49 Prozent. Die verstellbare Lamellenverkleidung am Eingang schützt vor zu viel Sonneneinstrahlung und es gibt einen Aufzug in die beiden Stockwerke darüber.

Die gewichtigen Sachen lagern allerdings im Erdgeschoss: Das Magazin mit Amtsbüchern, Gerichtsprotokollen und Inventuren reicht von 1590 bis ins 20. Jahrhundert, hier ist alles festgehalten. „Württemberg-spezifisch“ sei das Steuerbuch, sagt Sandy Krüger, in dem sämtliche Bürger mit ihren Steuerzahlungen erfasst sind. Legt man heute Wert auf Datenschutz, so waren die Besigheimer früher gläserne Bürger, die alles offenlegen mussten. „Es ist viel da und wird auch gern eingesehen“, erklärt die Stadtarchivarin bei der Führung, Anfragen kämen auch aus den USA, Israel, England oder Skandinavien. Was der Ehemann und seine Frau besaßen, ist in den Teilungsbüchern akribisch festgehalten.

Schwäbische Gründlichkeit

Im Erdgeschoss ist auch der Benutzerraum mit dem „Bookeye-Scanner“, mit dem Seiten kopiert und gespeichert werden können. Gemeinderatsprotokolle auf Schreibmaschine getippt aus dem Jahr 1928 liegen hier gebunden auf dem Tisch und wurden wohl gerade eingesehen. Das Wählerverzeichnis daneben listet alle Wähler inklusive Berufsbezeichnung auf. Wer wann an welcher Wahl teilnahm, ist zu sehen, alles wurde mit schwäbischer Gründlichkeit festgehalten. Auch der Vorsortierraum ist hier im Erdgeschoss, wo Krüger die neu eingetroffenen Archivalien, meistens ziemlich verstaubt, in Augenschein nimmt.

Wer sich für Familiendinge interessiert, der kann im ersten Geschoss die Standesamtsunterlagen einsehen. Auch Bauunterlagen sind hier archiviert und Künstlernachlässe, die dem Archiv zur Verfügung gestellt wurden. Alte Filme gibt es im Archiv ebenso wie Schwarzweiß-Fotografien, die möglicherweise in einem neuen Projekt des Archivs gezeigt werden sollen. Das Highlight im ersten Stock ist der historische Wehrgang im Norden, das Gebäude war früher direkt an der Stadtmauer gelegen.

Mittlerweile gefüllt hat sich das zweite Obergeschoss, wo Krüger gerade das Material zum Besigheimer Künstlerehepaar Stelzig sichtet. Was das Besigheimer Stadtarchiv besonders macht, sind die Grundbücher. „Wir mussten die Grundbuchunterlagen nicht abgeben und hatten alles vorher archiviert.“ Standesamtsbücher gibt es hier ab 1875, Bürgerbücher ab der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Und alles auf Papier, das hier auch nach 600 Jahren noch Bestand hat. Digital, sagt Krüger, wäre das kaum zu schaffen und mit unglaublichem Aufwand verbunden. Das alles zur Verfügung stellen zu können, geht nur in Buchform. Und das Zugänglichmachen sei auch eine Verpflichtung zugunsten der Bürger, findet die Archivarin.

Info Das Stadtarchiv ist seit 2016 im denkmalgeschützten Gebäude Bühl 32 untergebracht. Jeweils donnerstags von 9  bis 12 Uhr und von 14   bis 18.30 Uhr nach vorheriger Anmeldung können die Bestände eingesehen werden. Anmeldungen unter Telefon (07143) 8 07 83 20 oder E-Mail: Stadtarchiv@Besigheim.de

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