Besigheim / Uwe Deecke

Es sind zwei besondere Türme, die im Rahmen von Stadtführungen begehbar sind. Der Waldhornturm, sonst immer sonntags für die Öffentlichkeit zugänglich, ist gerade geschlossen, denn dort brüten wieder Wanderfalken. Dafür ist für Touristen der Schochenturm geöffnet und kann immer sonntags von 13 bis 18 Uhr bestiegen werden.

Der Obere (Schochenturm) und Untere Turm (Waldhornturm) wurden zwischen 1220 und 1230 als wehrhafteste Teile der Stadtbefestigung an den beiden strategisch empfindlichsten Stellen der Stadt unter dem Markgraf von Baden erbaut.

Die Türme wurden wie vergleichbare französische Bauwerke einst als Wohntürme genutzt, worauf Kamin und Aborterker im Gebäude hindeuten. Ein ähnlicher Turm nach französischem Vorbild steht auch in Backnang, wo die Herrscher aus Baden Verwandtschaft hatten, die einst in Besigheim das Sagen hatten. „Es sind die einzigen drei Wohntürme dieser Art in Deutschland“, weiß Dieter Schedy, der langjähriger Stadtleitbildbeauftragter der Stadt Besigheim.

Ehmaliger Hochwächterturm

Am Schochenturm wohnte ab dem 16. Jahrhundert auch der Hochwächter, weshalb das Gebäude auch Hochwächterturm genannt wurde. Dort war früher auch das Torwächterhaus, wo der Torwächter die Zugbrücke morgens öffnete und abends schloss. Darüber im Turm wurde vom Hochwächter Ausschau nach Reitern gehalten, die dann auch mit Fanfare angekündigt wurden. Ab 1514 ist ein „Thurnblesers“ dokumentiert, der in späterer Zeit zugleich auch Hochwächter ist.

Ab etwa 1540 diente das Dachgeschoss nach den Dokumentationen des Landesdenkmalamts als Wohnung des Turmwarts. Dort heißt es auch: „Der am südöstlichen Ende der historischen Altstadt befindliche Obere Turm, nach einem Wächter benannte Schochenturm, vergegenwärtigt bis heute, benachbart zum monumentalen Steinhaus, zusammen mit dem im Nordwesten der historischen Altstadt befindlichen Waldhornturm die einstige Wehrhaftigkeit Besigheims“. Bis zum 19. Jahrhundert war der Boden des Bergfrieds auch das Gefängnis der Stadt, in das die Verurteilten kamen.

Ab 1800 wurde das Gefängnis ins benachbarte Steinhaus ausgelagert, es reichte schlichtweg für die vielen Straftäter nicht mehr aus. Die Verhältnisse im Schochenturm-Loch mag man sich heute nicht vorstellen, anders war es im Steinhaus. „Es war ein sehr modernes Gefängnis“, erklärt Dieter Schedy. Es gab vier Zellen pro Etage mit bis zu acht Insassen, jede mit Toilette und sogar einem Ofen. „Die Insassen oder ihre Verwandtschaft mussten aber das Holz bezahlen, mit dem der Ofen geheizt wurde“, so der frühere Stadtleitbildbeauftragte.

„Der wichtigste Zugang zur Stadt war aber der Aiperturm“, erläutert Dieter Schedy die Bedeutung des Eingangs von der Enz her. Er hatte eine Breite von zwölf Metern, vier Meter dicke Mauern, eine Durchfahrt im Gebäude und wurde bereits im Jahr 1817 abgerissen. Durch ihn kamen die Waren von der Enz und der Straße aus Bietigheim in die Stadt. Der Stadtausgang nach Norden war damals an der Türkengasse, wo ein Stadttor war und wie auch am Schochen- und Aiperturm der fällige Zoll bezahlt werden musste. Die Stadt hatte das Stapelrecht und zwang die Händler ihre Waren im Rathaus, das im Erdgeschoss eine Art Warenhaus war, feil zu bieten. Seine felsige Westseite zur Enz war außerordentlich stabil. Der württembergische Herzog Ulrich, weiß Schedy, habe damals von der Enz her aus allen Kanonenrohren auf das badische Rathaus geschossen. Allerdings ohne Erfolg.

Waldhornturm zeigte Stärke

Der mächtige Waldhornturm zeigte nach Norden Stärke und Wehrhaftigkeit, sei aber kein Zugang zur Stadt gewesen, erklärt Schedy. Die Gaststätte „Waldhorn“ an der früheren Staatsstraße 1, wo bis zum Jahr 1991 vor dem Tunnelbau noch die B 27 durch die Altstadt verlief, war der Namensgeber des Turms. Schedy hatte sich als Stadtleitbildbeauftragter für jede Ebene des Turms Tafeln überlegt, die die Funktion beschreiben.

Der ursprüngliche Eingang zum Turm war in der Kaminebene, die in etwa zehn Metern Höhe liegt. Am Boden war der untere Eingangsbereich sowie die große Halle darüber. Oben folgten die Abortebene sowie das oberste Geschoss mit der großen Wehrplatte. Hier kann man heute von oben die ganze Stadt sowie das Neckar- und Enztal sehen, die weiter nördlich zusammenlaufen. Was der Markgraf Hermann V. von Baden an der Hauptstraße erbauen ließ, kann ab Ende Mai wieder besichtigt werden - wenn die Falken ausgeflogen sind.