Besigheim / Susanne Yvette Walter

Da stehen sie auf dem Gelände der Alten Ziegelei in Besigheim und setzen die letzten Handgriffe, um ihr Boot aus seiner Halterung zu lösen und es auf den Schwertransporter zu bekommen. Andrea und Günter Thiele verabschieden sich von ihren Freunden, der Familie und all den Neugierigen, die gekommen sind, um am Montagmorgen mitzuerleben, wie das selbst gebaute Segelschiff nun zum Rhein gebracht wird, um von dort aus in Richtung Mittelmeer aufzubrechen.

Günter Thiele schiebt weiche Decken und Tücher zwischen die Haltegurte und sein selbst gebautes Segelboot. Bei zwölf Metern Länge und einem Gewicht von mehreren Tonnen ist es sicher keine Nussschale. Schließlich soll die „Nohea“ ihre beiden Passagiere sicher über die Weltmeere bringen. Jahrzehnte ist es her, als Günter Thiele aus Brackenheim-Meimsheim bei einem Korsika-Urlaub den Wunsch hatte, in eine schöne Bucht hinabzuklettern – vom Land aus ein schwieriges Unterfangen, stattdessen wollte er sie zukünftig mit dem Boot ansteuern. Thiele ist ein Mensch mit Ausdauer, der sich selbst genügt. So kam es, dass er in Volker Nestrasil von der Alten Ziegelei in Besigheim einen Unterstützer seiner Idee fand und dort einen Platz bekam, wo er sein Traumschiff bauen konnte. Einige Jahre diente ihm die Alte Ziegelei nun als „Werft“, bestehend aus zwei Baucontainern, die als Werkstatt dienten.

Der gelernter Werkzeugmacher ist an präzises Arbeiten gewöhnt und überließ beim Bauen nichts dem Zufall. „Alles ist doppel verschweißt“, erklärt er, denn das Wasser mit seiner nagenden Kraft ist der große Feind von Bootsreisenden. Die Nohea hat eine Navigierecke, eine Schlafkajüte und eine Küche mit Sitzecke. Das wird der Rückzugsort für die Thieles sein, vielleicht für Jahre. „Ich finde das Leben viel zu kostbar, als dass ich es nur mit Arbeiten verbringen möchte“, erklärt der Segler und hat sein Ziel tatsächlich nicht mehr aus den Augen gelassen. „Die meisten, die anfangen selbst ein Boot zu bauen, lassen es als halbfertige Bauruine zurück.“

Weg ins Abenteuer

Schon bald werden die Thieles in Marseille ankommen und haben von dort aus dann die Qual der Wahl, ob sie nach links oder nach rechts fahren wollen. Natürlich haben sie sich auch viele Gedanken über das unberechenbare Wetterphänomen und andere Probleme auf hoher See gemacht. „Stürme, Trinkwasserknappheit und andere Schiffe, die nicht aufpassen und mit uns kollidieren, das kann alles auf uns zukommen“, sieht Günter Thiele ganz realistisch. Doch der Lockruf der Freiheit ist so laut, dass er sich davon nicht verängstigen lassen will, ebenso wenig seine Frau.

Und deshalb winkt gestern bei strahlendem Abschiedswetter eine ganze Schar von Menschen den beiden hinterher, nachdem die Nohea auf den Spezialtransporter verladen war und nun ihrer eigentlichen Bestimmung entgegenfährt.