Walheim Begegnung „onderm“ Balken

Schauspieler hautnah auf der „Bühne onderm Balken“  im Schwäbischen Lieder- und Geschichtenhaus: Hansi Kraus und Lou Hoffner spielten „Love Letters“.
Schauspieler hautnah auf der „Bühne onderm Balken“  im Schwäbischen Lieder- und Geschichtenhaus: Hansi Kraus und Lou Hoffner spielten „Love Letters“. © Foto: Martin Kalb
Susanne Yvette Walter 25.09.2017

Da möchte man am liebsten Mäuschen spielen und das Schönste: Mäuschen spielen ist erlaubt. Ganz still ist es vor dem Balken auf Walheims romantischer Kleinkunstbühne im Cafe-Bricklebritt. Am Freitagabend sind dort zwei Promis zu Gast, die ihre Spuren im Fernsehen hinterlassen haben. Hansi Kraus und Lou Hoffner verstricken sich zwei Stunden lang in Liebes- und Freundschaftsgeflüster, wie es sicher nicht von der Stange kommt, und damit fesseln sie den Saal so, dass es tatsächlich mucksmäuschenstill ist.

Lebenumspanndender Dialog

Mit der „schönsten Liebesgeschichte der Welt“, dem Stück „Love Letters“ fesseln zwei rhetorisch bestens aufeinander eingeschossene Vorleseprofis mit Schauspiel-Background ihr Publikum im urigen Schwäbischen Lieder- und Geschichtenhaus am Freitagabend. Die „Bühne onderm Balken“ gibt den beiden eine Plattform für einen Dialog zwischen zwei Freunden und  Liebenden, der ihr ganzes Leben umspannt. Hier begegnet man „Melissa“ und „Andy“ wirklich in ihren Dialogen, die in Briefen erhalten sind, die sie sich ihr Leben lang geschrieben haben. Zunächst wie zufällig wird der Zuhörer indirekt Zeuge ihres Kennenlernens, die von Haus aus reiche Melissa, die trotz Geld einsam in zerrütteten Familienverhältnissen nie die Geborgenheit einer intakten Struktur erfährt und Andy, der zwar in finanziell ärmeren Verhältnissen dafür aber in liebevoller Geborgenheit aufwächst.

Sie begegnen sich in der Schule schon, die Eltern sind befreundet und die beiden tänzeln in ihren Briefen umeinander herum, genauer gesagt es tänzelt Andy, während seine angebetete Melissa auf dem Schulball, mit anderen knutscht.

Parallelwelt in Briefwechsel

Und doch halten sie in ihrer Parallelwelt im Brief aneinander fest, und das, obwohl Melissa nicht gerne Briefe schreibt. Das geht über Jahre, über die Collegezeit und immer dann, wenn einer von beiden sich dem anderen wieder nähern will, passen die Lebensumstände für ein „glückliches Happy End doch nicht zusammen“. Beide heiraten jemand anderen. Erwartungsgemäß scheitert Melissas Ehe. Sie ist eine kühle distanzierte Mutter, und schockt auch schon vorher mit ihrem exaltierten Auftreten in der Öffentlichkeit. Als Teenager schon fällt sie aus dem Rahmen mit exorzistischer Selbstverliebtheit und schrillen Possen auf Partys. Ganz anders ist Andy, der Jura studiert und summa cum laude abschließt, was Melissa peinlich findet. Immer wieder sorgen ihre bissigen Bemerkungen, ihre aufgesetzte Überheblichkeit für Farbstoff im Dialog.

Andy macht Karriere in der Politik, heiratet eine Bürgerliche und wird Vater dreier Söhne. Die Geborgenheit, die ihn in seiner Familie hat groß werden lassen, gibt er weiter, während Melissa zitternd nach ihm ruft, als ihrem einzigen Halt im Leben, nachdem sie an allen Fronten gescheitert ist, außer vielleicht in der Kunst. Dort hat sie Erfolg, bekommt einen bedeutenden Kunstpreis in Perugia. Der Dialog zwischen beiden hat klassische Elemente und spricht trotzdem Bände.

Im Schwäbischen Lieder- und Geschichtenhaus ist auch Platz für reale Einblicke ins Leben, denn schließlich haben die beiden Protagonisten doch noch eine erotische Begegnung in ihrer briefbezogenen Märchenwelt. Doch der bürgerliche Andy bleibt bei Frau und Kindern. In der Konsequenz kommt Melissa in eine psychische Anstalt, wo sie sich schließlich das Leben nimmt und auch das wird im Stück nur mit den Worten angedeutet:

Am Ende bleiben Erinnerungen

„Ich werde nicht da sein, wenn Du kommst.“ Am Ende bleiben Andy die Briefe und ein Sack voll Erinnerungen an ein ewig ungeklärtes Verhältnis voller Ambivalenz, das nicht in die monogamen Strukturen seines Lebens passen will. Das Duo Lou Hoffner und Hansi Kraus liest mit Charakter und viel Persönlichkeitskolorit in der Stimme. Es knistert, zwei Stunden lang und nach der Pause wünscht man sich die Fortsetzung und die kommt als Klimax daher, wie das Leben selbst. Melissa macht im Stück den Ikarus, der zu nah an der Sonne vorbei­flog und sie doch niemals greifen konnte.

Haltloser Beifall

Im Publikum brandet erst ganz am Ende haltloser Beifall auf. Dazwischen gab es auch was zu lachen, denn Melissas bissiger Zynismus, was ihre Kommentare über andere Menschen angeht, ist kaum zu überbieten.

Das Cafe-Bricklebrit in der Walheimer alten Kelter platzte bei dieser Gelegenheit fast mal wieder aus den Nähten und viele nahmen Gedankenimpulse zum Weiterspinnen mit nach Hause, denn was immer bleibt, ist der gute altmodische Brief.

„Es gibt keine Kopie davon und es ist eben kein Telefonanruf, wo alles vorbei ist, wenn man auflegt. Nein, das hier bin einfach ich – ich schenke mich Dir aus der Ferne, Du kannst mich zerreißen und wegwerfen oder mich behalten und lesen – heute, morgen. Wann immer Du willst“. Albert R. Gurneys „Love Letters“ ist eine Hommage an das Briefschreiben selbst.