Es ist kurz vor 12 Uhr, noch steht Markus Moskau alleine auf dem Marktplatz. Das Bild mag an die 16-jährige Greta Thunberg erinnern, wie sie wochenlang vor dem schwedischen Parlament ausharrte, um für eine konsequente Klimapolitik zu werben. Dank Moskau existiert seit Januar auch in Ludwigsburg ein Ableger der von Thunberg inspirierten „Friday for Future“-Bewegung. Wenn an Freitagen bundesweit der Unterricht bestreikt wird, erfahren aus der Kreisstadt und deren Umgebung rund 380 Schüler davon. Über vier WhatsApp-Gruppen haben sie sich vernetzt.

An den ersten Protestzug in der letzten Januarwoche erinnert sich Moskau gut. „Die Schüler haben auf einmal die Fenster aufgerissen, gejubelt und die Fäuste gehoben“, erzählt der 18-Jährige über den Augenblick, als sich die Demonstranten den Gymnasien näherten, viele schlossen sich an. Im Vorfeld hatte Moskau nichts weiter getan, als eine WhatsApp-Gruppe mit vier Freunden zu gründen und eine Demonstration anzumelden: „Das war unkompliziert. Ich habe mich einfach im Internet informiert, wie man das macht.“ Seine Bitte um Verbreitung reichte aus, um noch vor der ersten Veranstaltung mehr als 200 Schüler zu mobilisieren.

Neuland ist das Demonstrieren für den Schülersprecher des Friedrich-List-Gymnasiums in Asperg nicht. Er hat früh angefangen, sich für Politik zu interessieren: „Wissen kann man nachholen, aber mit dem Klima sieht das anders aus.“ Wie lange die Schüler den Unterricht noch bestreiken werden, kann er nicht sagen. „Solange sich nicht wirklich etwas getan hat, kommt Aufhören nicht in Frage.“ Er betrachtet den Einsatz für die Umwelt als fortwährenden Prozess.

Etwa eine halbe Stunde braucht es, bis sich der Marktplatz an ­diesem Freitag füllt. Neben ­Moskau steht ein junger Mann aus der „Rednergruppe“. Zu zweit befestigen sie Klebeband um die Oberarme von Schülern, die ein Auge auf die Sicherheit haben. „Ordner“ steht mit Edding auf dem Band geschrieben. Ähnlich bescheiden ist mit einem einzelnen Megafon die Technik, aber das macht nichts. 100 Jugendliche rufen und unterstützen die Redner. Schilder mit der Aufschrift „Don’t burn my future“ oder „36°C und es wird noch heißer“ haben die Jugendlichen  auch mitgebracht.

Auf dem Platz bleiben Schaulustige stehen, ein älterer Herr drückt Moskau eine Spende in die Hand. Er schimpft über den Diesel. Etwas abseits sitzen Polizeibeamte in zwei Streifenwagen: „Auf der ersten Demo hat uns der Einsatzleiter sogar gelobt“, lacht Moskau. Ebenso freundlich begegne ihm die Stadtverwaltung, wenn man sich über den Streckenverlauf abstimmt.

Gespräch statt Nachsitzen

Wenig begeistert zeigen sich die Schulen. Der Umgang mit Fehlstunden liegt im Ermessen der Schulleiter, und so ist auf dem Marktplatz vom Vermerk im Klassenbuch bis zu kollektivem Nachsitzen die Rede. „Das Schulgesetz erlaubt eine Beurlaubung aus privaten Gründen, zum Beispiel bei einem Trauerfall“, erklärt Benedikt Reinhard aus dem Kultusministerium. „Die Teilnahme an einer Demonstration gehört nicht dazu und gilt als unentschuldigtes Fehlen.“ Vorgaben kann das Ministerium nicht aussprechen. Allerdings habe man die Schulen gebeten, von Ordnungsmaßnahmen wie das Nachsitzen abzusehen. Stattdessen sollen die Lehrer pädagogische Erziehungsmaßnahmen ergreifen.

Ein solche Maßnahme ist ein Gespräch, wie Moskau es schon hinter sich hat: „Nach dem zweiten Mal wollte sich die Schulleitung mit mir unterhalten und hat auch mit Konsequenzen gedroht.“ Stattdessen einigte man sich auf eine Alternative: Indem Moskau den Gemeinschaftskunde-Kurs gewechselt hat, muss er die 5. Stunde nicht mehr schwänzen. An Wochenenden zu demonstrieren, ist für ihn keine Option: „Der Schulstreik ist eine Chance, echten Druck auszuüben.“

Greta Thunberg kommt nach Hamburg


Die junge schwedische Aktivistin Greta Thunberg kommt erstmals für einen Schulstreik für mehr Klimaschutz nach Deutschland. Sie wird am Freitag in Hamburg mit anderen Schülern demonstrieren.Thunberg demonstriert seit dem vergangenen August vor dem Reichstag in der schwedischen Hauptstadt Stockholm für mehr Klimaschutz. Durch ihre Aktion ist sie weit über die Grenzen Schwedens hinaus bekannt geworden.

In Deutschland demonstrieren Schüler und Studenten laut dem Bündnis „Fridays for
Future“ inzwischen regelmäßig in mehr als
30 Städten. Thunberg besucht häufiger Schülerproteste in anderen Ländern. In der vergangenen Woche war sie bei Demos in Paris und Brüssel. dpa/afp