Ein Pinsel mit grünem Stiel und zwei knapp über die weißen Borsten platzierten, goldenen Walnüssen: Mehr ist nicht nötig, um an diesem grauen Dezembertag rund 40 Schulkinder zum Lachen zu bringen. Der eigentlich so kahle, nüchterne Raum im Untergeschoss der Stuttgarter Stadtbibliothek wirkt auf einmal quicklebendig. Marion Jeiter hält den lustigen Pinsel. Sie ist Schauspielerin und Entführerin zugleich. Entführt hat sie die Kinder als Köchin Bertha in die Welt des Stuttgarter Hutzelmännleins, und genau das soll der Pinsel sein, über den die Kinder auch deshalb so lachen: das Hutzelmännlein. Darauf muss man erst mal kommen. Gerade hat es Bertha zwei Paar Glücksschuhe und ein Hutzelbrot geschenkt, das nachwächst, solange man nicht den letzten Brösel des Früchtebrots aufisst. Jeiter hat sich das mit dem Pinsel ausgedacht, zusammen mit dem Chefdramaturgen der Württembergischen Landesbühne (WLB) Esslingen, Marcus Grube. Sie sind Hutzelmännlein-erfahren. Gemeinsam haben sie schon 2016 aus der berühmten Geschichte von Eduard Mörike ein anderes Bühnenstück destilliert und verwirklicht: „Das Lachen der schönen Lau“. „Das Glück in den Schuhen oder das Stuttgarter Hutzelmännlein“ spielen sie seit September an der Jungen WLB und reisen damit in Städte und Gemeinden, um den Stoff Kindern näher zu bringen. „Dahinter steckt viel Arbeit“, sagt Grube. „Mörikes Sprache ist eigentlich nicht kindertauglich.“ Dass ihre Version funktioniert, merken Jeiter und Grube an den Reaktionen der Kinder, wenn diese über den Pinsel lachen, sie auch nach hinten gucken, wenn Jeiter als Bertha in den fiktiven Garten hinter ihren Köpfen schaut.

Viele Märchen, aber kaum regionale Sagen

Die Suche nach sagenhaften Stücken an Theatern im Südwesten war langwierig. Gespielt werden eher Märchen der Brüder Grimm oder bekannte Kindergeschichten wie Räuber Hotzenplotz oder Jim Knopf. An der Jungen WLB laufen mit „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff und dem Hutzelmännlein zwei Klassiker, die an sich Märchen sind, aber regional verortet, und in denen Sagen eine Rolle spielen. Mörike etwa weist in seinen Hutzelmännlein-Anmerkungen zum Blautopf in Blaubeuren auf eine Überlieferung hin, die auch in Sagensammlungen oder der „Beschreibung des Oberamts Blaubeuren“ von 1830 zu finden ist: die Geschichte von einer Prozession zur Quelle im Jahr 1641. Zwei Goldbecher werden dabei ins Wasser geschmissen, um eine erzürnte Gottheit zu besänftigten und eine drohende Überschwemmung zu verhindern – mit Erfolg. Wie kommt es aber, dass Südwest-Sagen an Theatern im Land so gut wie keine Rolle spielen? George Podt, Regisseur des Hauff-Stücks an der Jungen WLB, hat da eine Erklärung: „Die Spielplan-Gestaltung eines jeden Theaters richtet sich, gerade wenn es um Stoffe für Kinder geht, immer auch danach, ob der Titel dem Publikum vertraut ist“, sagt er. „Das ist bei klassischen Märchen immer der Fall.“ Selten bei Sagen. Der 69-Jährige kennt sich mit Spielplänen aus. 27 Jahre lang war er, bis 2017, Intendant des Kinder- und Jugendtheaters Schauburg in München. Märchen sind Podts Ansicht nach auch leichter zu vermarkten, weil sie ohne regionale Verortung auskommen und auch schon für jüngere Kinder geeignet sind. Dieses Nischendasein der Sagen im Schatten der Märchen zeigt sich ebenso in anderen Bereichen. Die meisten Erzählerinnen oder Erzähler, die Schulen besuchen, haben viele Märchen, aber kaum regionale Sagen im Repertoire. Auf dem Buchmarkt dominieren die Märchen ebenfalls.

Auflage schon vergriffen

Der Konstanzer Südverlag beweist aber, dass mit Sagen durchaus Geld zu verdienen ist. Er hat schon vor Jahrzehnten Bände mit baden-württembergischen Sagen publiziert. Erst 2018 hat er drei Sammlungen mit Sagen aus unterschiedlichen Regionen herausgebracht. „Im Vergleich zu früher verkaufen wir weder weniger noch mehr“, sagt Geschäftsführer Walter Engstle. Bei den Bänden Bodensee/Oberschwaben und Schwäbische Alb/Neckar sei aber etwa die erste Auflage, jeweils 1500 Stück, schon vergriffen; die zweite Mitte Januar wieder lieferbar. „Die Sagenbände unterliegen zum Glück nicht dem jeweiligen Mainstream“, sagt Engstle, „sodass wir auch weiterhin mit einem guten Verkauf rechnen können.“ Auch im Tourismus spielen Sagen heute eine Rolle. „Auf der Radtour durch die Sagen und Mythen der Ortenau erwarten Sie rund 30 verschieden zusammengestellte Rundtouren“, heißt es zum Beispiel auf „schwarzwald-geniessen.de“. Das Nischendasein der Sagen gleicht also nicht einem verstaubten Zimmerchen im Untergeschoss eines großen Märchenschlosses, sondern eher einem eigenen Haus, in dem Leben herrscht und durchaus heute noch neue Sagen geboren werden.

Original im Berliner Bode-Museum

In Ravensburg kennen viele zum Beispiel eine Geschichte, die alle Zutaten hat, um noch in ferner Zukunft als Sage weitererzählt zu werden und die sich dann in Kurzform so anhören könnte: „Vor vielen hundert Jahren, als noch Menschen und nicht Roboter Schlachten schlugen, tobte der sogenannte Zweite Weltkrieg. Ein britischer Bomberpilot aus Fleisch und Blut flog auf Ravensburg zu. Je näher er kam, desto inbrünstiger beteten die Oberschwaben zur „Ravensburger Schutzmantelmadonna“, einer Marien-Statue aus Lindenholz. Und tatsächlich: Der Pilot drehte plötzlich ab. Später sagte der Engländer, er sei umgekehrt, weil die Ravensburger Schutzmantelmadonna ihm erschienen sei. Zum Dank benannten die Ravensburger den zentralen Adolf-Hitler-Platz nach dem Krieg in Marienplatz um.“ In der Ravensburger Liebfrauenkirche steht übrigens noch heute eine Kopie der Statue. Das bereits 1850 verkaufte Original ist im Berliner Bode-Museum.