Totschlagsprozess Rentnerin soll siebenjährigen Jungen getötet haben

Die 70-jährige Angeklagte soll ihr Pflegekind getötet haben.
Die 70-jährige Angeklagte soll ihr Pflegekind getötet haben. © Foto: Roland Böhm/dpa
Heilbronn / Hans Georg Frank 07.01.2019

Staatsanwalt Harald Lustig glaubt zu wissen, warum Elisabeth S. (70) den anvertrauten Ole trotz eines „innigen Verhältnisses“ erwürgt hat. Die Ersatzoma habe nicht ertragen können, dass der Siebenjährige nach der Einschulung seltener zu ihr gekommen sei, erklärte der Ankläger gestern beim Beginn des Prozesses vor dem Landgericht Heilbronn. Die Frau sagte nichts zu der Tat, die als Totschlag gilt.

Ole kam erstmals mit anderthalb Jahren zu der Witwe, die allein in einem Einfamilienhaus in Künzelsau lebte. „Es war wie Liebe auf den ersten Blick“, berichtete Mutter Susanne, eine Lehrerin. Ihre Rektorin hatte den Kontakt hergestellt. Zu der gelernten Krankenschwester habe der sonst eher zurückhaltende Ole sofort Vertrauen gefasst: „Er hat sie Oma Elisabeth genannt und sich immer gefreut, wenn er hin durfte – er hat sie geliebt.“

Für die Rentnerin scheint Ole ein Ersatzenkel gewesen zu sein. Ihr eigener Sohn lebt kinderlos in München. Zwar sei sie manchmal traurig und antriebslos gewesen, aber negative Veränderungen hatte die Mutter nicht feststellen können. Auch am 27. April, als Ole wegen des Konzertbesuchs seiner Eltern wieder bei „Oma Elisabeth“ übernachten durfte, „war nichts ungewöhnlich“.

Anderntags fanden die Eltern ihr einziges Kind tot in der Badewanne. Elisabeth S. war verschwunden. Gerichtsmediziner stellten fest, dass der Bub „längere Zeit am Hals gewürgt“ worden war. Die Angeklagte sprach gegenüber der Polizei von einem Unfall. Der Anwalt der Familie hält eher einen Mord für denkbar, „begangen aus niedrigen Beweggründen“. Die Frau habe das Kind möglicherweise ganz für sich haben wollen.

„Wir wissen nicht, was passiert ist“, sagte die Mutter im Gerichtssaal, „jeden Tag liege ich heulend im Bett, weil mein Sonnenschein weg ist.“ Sie und ihr Mann erhofften sich endlich Klarheit von der Angeklagten selber: „Du darfst uns nicht zurücklassen in einem schwarzen Loch.“

Die Verteidigerin sicherte eine entsprechende Erklärung ihrer zunächst schweigenden Mandantin zu. Der Prozess wird am nächsten Freitag fortgesetzt. Mit einem Urteil ist im Januar 2019 zu rechnen. 

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