Der Weg des Menschen begann nicht in Afrika, sondern in Europa – diese These vertreten Tübinger Wissenschaftler nach Fossilienfunden in Bayern. Aus einer bislang unbekannten Primatenart leiten sie ab, dass sowohl die gemeinsamen Vorfahren von Affen und Menschen als auch der aufrechte Gang sich viel früher entwickelt haben als bisher gedacht – und zwar nördlich der Alpen.

Der Wagen, den ein behandschuhter Helfer in den Stratigraphischen Saal der Uni Tübingen schiebt, enthält Knochen, die ein Weltbild ins Wanken bringen. „Liebe Anwesende, ich möch­te Ihnen heute Danuvius guggenmosi präsentieren“, sagt Professorin Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Paleoenvironment.

Das kompletteste Tier heißt „Udo“ – wie Udo Lindenberg

37 Knochenteile einer bislang unbekannten Primatenart hat ihr Team aus einer Tongrube im Allgäu geborgen; 21 davon stammen vom selben männlichen Tier. Es wurde auf den Namen Udo getauft – nach Udo Lindenberg, dessen Lieder am Tag der Entdeckung aus Anlass von Lindenbergs 70. Geburtstag ständig im Radio liefen.

Der Allgäuer Udo ist allerdings sehr viel älter: Sein Skelett wurde auf 11,62 Millionen Jahre datiert. Er war etwa einen Meter groß, wog 31 Kilogramm und ähnelte einem Bonobo. Mit seiner großen Zehe am Fuß konnte er besser greifen als alle bekannten Menschenaffen – und war dennoch in der Lage, aufrecht zu gehen. Tatsächlich lässt die Kniekonstruktion sogar darauf schließen, dass er den aufrechten Stand bevorzugte.

Aufrechter Gang hat sich vor knapp 12 Millionen Jahren auf Bäumen entwickelt

Aus Sicht der Wissenschaft ist das eine Sensation: Die bislang ältesten Belege für den aufrechten Gang  sind sechs Millionen Jahre alt und stammen aus Kenia und von der Insel Kreta. Aus Analysen von Wirbelsäule, Armen, Füßen und anderen Körperteilen folgern die Forscher nun, dass sich der aufrechte Gang vor doppelt so langer Zeit auf Bäumen entwickelt hat – ohne Zuhilfenahme der Arme.

Die Möglichkeit, dass es ihn in Afrika zur selben Zeit oder früher schon gegeben haben könnte, halte sie für ausgeschlossen, sagt Böhme. Aus dieser Zeit seien dort nur primitive Affenformen bekannt. An der Studie waren auch Wissenschaftler aus Bulgarien, Kanada und den USA beteiligt.

„Out of Africa“-These wird immer wieder überprüft

Wo genau die neue Art einmal eingruppiert werden wird, ist noch offen. Ihre Entdeckung stellt allerdings nicht nur die These in Frage, dass die Wiege der Menschheit in Afrika stand, sondern auch die Vorstellung, die Entwicklung des Menschen bestehe quasi in einer linearen Erhebung des Affen.

Die neuen Erkenntnisse lassen es denkbar erscheinen, dass Menschenaffen und Homo Sapiens einen europäischen Vorfahren hatten, der aufrecht gehen konnte, dass aber die Menschenaffen diese Fähigkeit zugunsten größerer Beweglichkeit in den Bäumen wieder aufgaben. Die Forscher fühlen sich darin durch die Untersuchung eines zehn Millionen Jahre alten Beckenknochens aus Ungarn bestärkt. Auch Werkzeugfunde in Asien haben die „Out of Africa“-Theorie erschüttert.

Prof. Böhme: Entweder ist er ein Missing Link oder ein früher Mensch

Danuvius guggenmosi könnte der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschenaffen und Menschen ganz allgemein sein oder – spezieller – von Schimpansen und Menschen. „In diesen Fällen ist er jeweils ein Missing Link zwischen Menschen und Menschenaffen“, sagte Böhme.  „Er könnte aber auch ein früher Mensch sein.“ Einige Knochen ähnelten mehr Menschen als Affen. Insgesamt sei aber der aufrechte Gang das wahrscheinlich einzige charakterisierende Merkmal der Menschlichkeit.

Die Fossilien von Danuvius Guggenmosi stammen aus der Tongrube Hammerschmiede in Pforzen im Ostallgäu; sie wurden zwischen 2015 und 2018 gefunden. Erste Fossilien hatte der inzwischen gestorbene Hobbyarchäologie Sigulf Guggenmos dort bereits 1972 entdeckt – nach ihm ist die neue Primatenart nun benannt. Die Funde zu Danuvius wurden bislang mindestens vier Individuen zugeordnet; Böhme ist sicher, dass von der Art noch mehr Knochen auftauchen.

Das könnte Dich auch interessieren:

Göppingen

„Wie wir Menschen wurden“


Die Forschungsergebnisse sind in der aktuellen Ausgabe des Magazins Nature publiziert und in einem neuen, auch für Laien gut lesbaren Buch berücksichtigt: Madelaine Böhme u.a.: Wie wir Menschen wurden. Eine kriminalistische Spurensuche nach den Ursprüngen der Menschheit. Wilhelm Heyne Verlag, Stuttgart 2019. 336 Seiten, 22 Euro