Stuttgart Polizei simuliert Terroranschläge am Bahnhof

Stuttgart / Axel Habermehl 12.09.2018
Der Stuttgarter Hauptbahnhof war Schauplatz einer Anti-Terror-Übung der Polizei. Mehrere Gleise waren gesperrt.

Ein lauter Knall ertönt, dann bricht an Gleis vier das Chaos los. Schüsse rattern, Rauch steigt auf, Schreie und Hilferufe gellen durch den Hauptbahnhof Stuttgart. Reisende rennen in wilder Flucht aus einem Regionalexpress über den Bahnsteig, mitten unter ihnen maskierte Bewaffnete, die um sich feuern, Menschen hinrichten. Nach Sekunden kommen Polizisten angerannt, ebenfalls schießend und brüllend, überall liegen blutverschmierte Opfer.

Es sind beklemmende Szenen, die sich in der Nacht auf Mittwoch in Stuttgart abspielen. Doch sie sind nur gespielt. Kein Terroranschlag trifft die Stadt, sondern eine Großübung von Bundes- und Landespolizei. Sie soll Einsatzkräfte auf einen Tag vorbereiten, der hoffentlich nie kommt, der aber im Licht der vergangenen Jahre nicht undenkbar scheint.

Terrorismus, insbesondere die dschihadistisch motivierte Form, ist zu einer sehr realen und medial extrem wirkmächtigen Bedrohung geworden. Spätestens mit der Anschlagsserie in Paris im Januar 2015 begann auch in Europa eine Zeit, in der viele Taten in teils engen Zeitabständen etliche Menschen das Leben kosteten und Angst und Schrecken verbreiteten. Es traf Frankreich, Belgien, Großbritannien, und dann traf es auch Deutschland.

Innerhalb von Monaten kam es in Essen, Würzburg, Ansbach zu Anschlägen mit Toten und Verletzten. Der traurige Gipfel dieser Phase: das Weihnachtsmarkt-Attentat in Berlin 2016 mit zwölf Toten und 62 Verletzten.

So unterschiedlich die Taten hinsichtlich Zielen, Abläufen und Tatmitteln waren, gemein hatten die Täter ihre Radikalisierung im Ideologiefeld Dschihadismus und ihre Identifikation mit dem sogenannten IS. Die Bedrohung war da längst Schwerpunkt von Politik und Behörden. „Der islamistische Terror bleibt weiterhin eine der größten Herausforderungen für die deutschen Sicherheitsbehörden. So ist die Gefahr von weltweiten Terroranschlägen trotz des Niedergangs des ,Islamischen Staats’ (IS) weiterhin hoch“, heißt es im aktuellen Bericht des Landesamts für Verfassungsschutz. Man beobachte etwa 3600 Islamisten, darunter rund 750 Salafisten.

„Sofort Feuerkraft einsetzen“

Besonders heikel wurde die Lage durch den Syrien- und Irakkrieg. Nicht nur, weil sich unter den hunderttausenden nach Europa kommenden Flüchtlingen Terroristen versteckten. Auch das Phänomen „Auslandskämpfer“ besorgt: Etliche Europäer, bis zu 1000 aus Deutschland (etwa 50 aus Baden-Württemberg), zogen über die Jahre auf nahöstliche Schlachtfelder. Als extrem gefährlich gelten Heimkehrer. Der Landes-Verfassungsschutz warnt: „Diese Personen stellen bei ihrer Rückkehr ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar, das die Sicherheitsbehörden in besonderem Maße herausfordert.“

Das betont, bei der Übung im Hauptbahnhof, auch Peter Holzem, Präsident der Bundespolizeidirektion Stuttgart. Vollradikalisierte, an Kriegswaffen und militärtaktisch ausgebildete Kämpfer, denen ihr eigenes Leben nichts bedeute, stellten eine „völlig neue Herausforderung“ dar und erforderten „neue, aggressive Einsatzstrategien“, sagt er. „Es geht hier um eine ganz andere Form polizeilicher Intervention.“ Vor allem Schutzpolizisten, die sich im Alltag als „Freund und Helfer“ verstehen, eher auf Problemlösung und Deeskalation aus sind, müssten dafür geschult werden, „gegebenenfalls sofort Feuerkraft einzusetzen und Täter zu neutralisieren“.

Wer nach Frankreich fährt, dem Land Europas, in dem der Terrorismus zuletzt die tiefsten Wunden gerissen hat, kann die Antiterror-Vorsichtsmaßnahmen nicht übersehen: Soldaten in Tarnanzügen, die Sturmgewehre tragen und kritische Blicke in die Augen der Passanten schießen. Militär bewacht Bahnhöfe, Touristenziele, Straßenecken.

Soweit ist es in Deutschland nicht. Das bedeutet: Im Ernstfall treten den Tätern vermutlich erst mal Streifenbeamte entgegen, bis Spezialkräfte anrücken. Seit den Amokläufen der 2000er-Jahre sind Streifen schlagkräftiger ausgerüstet. Maschinenpistolen, Helme, Schutzwesten liegen im Kofferraum jedes Streifenwagens.

So gerüstet werfen sich an Gleis vier die Polizisten ins Gefecht mit als Terroristen verkleideten Kollegen. 41 Reporter sehen nur eine kurze Szene. Taktiken will die Polizei nicht zeigen. „Wir wollen nicht berechenbar sein, wenn es zum Worst Case kommt“, sagt Bundespolizei-Sprecher Jonas Große.

Gegen 23 Uhr endet daher der „Pressedurchgang“ und die eigentliche Übung beginnt. Bis zum Morgen üben die Beamte, während im ganzen Land Züge mit Reisenden unterwegs sind, die nie wissen, wer als nächstes einsteigt.

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