Backnang / Von Autorvorname Autornachname

Der Name lässt auf angestammtes Terrain schließen: In den Lerchenäckern zwischen Backnang und Aspach (Rems-Murr-Kreis) brüteten einst Scharen von Feldlerchen. Weil dort jedoch ein interkommunales Gewerbe- und Industriegebiet – eines der größten in der Region Stuttgart – erweitert werden soll, sind die Vögel nicht mehr willkommen. Mehrere Kilometer weißrote Flatterbänder sind gespannt worden, um eventuelle gefiederte Besatzer fernzuhalten.

Für Grundstücke auf dem dritten Abschnitt des Areals wurde auch schon in München geworben, bei der „Expo Real“, Europas größter Fachmesse für Immobilien und Investitionen. Dabei ist die Nachfrage nach Bauplätzen „bei weitem“ größer als das Angebot, lässt der von der Großen Kreisstadt Backnang und der Gemeinde Aspach gegründete Zweckverband wissen.

2000 Arbeitsplätze

Fast 50 Firmen mit rund 2000 Mitarbeitern haben sich in den Lerchen­äckern schon niedergelassen. Dazu gehören eine Großbäckerei, eine Würth-Niederlassung, Werkzeugbauer, Armaturenfabrik und die Rettungswache. Speditionen sind unerwünscht, weil sie viel Fläche benötigen, aber relativ wenige Arbeitsplätze schaffen.

Jede Ansiedlung von Bodenbrütern könnte die Erweiterung erheblich verzögern. Die flatterhafte Vergrämung dürfte in dieser Dimension dennoch außergewöhnlich sein. Illegal jedoch sei sie nicht, betonen Stadtverwaltung und Landratsamt in ihren Verlautbarungen. Die auffällige Aktion sei „rechtlich zulässig“ und notwendig, um Unternehmen „ganzjährig“ den Baubeginn zu ermöglichen. Sind die Vögel jedoch schon am Brüten, müssten Planierraupen und Bagger bis mindestens August abwarten.

Im Interesse des Artenschutzes seien Ersatzflächen geschaffen worden, wo sich die Zugvögel nach ihrer in den nächsten Tagen erwarteten Rückkehr aus dem Süden ein Nest bauen können. Mit diesem Ausweichquartier hatten sich eigens eingeschaltete Umweltprofis befasst. Jedes Brutpaar soll 2000 Quadratmeter für sich haben. Abgesteckt sind auch so genannte Buntbrachen, nicht bewirtschaftete Flächen mit unterschiedlichen Gräsern und Kräutern.

Der Naturschutzbund (Nabu), der die Feldlerche erneut zum „Vogel des Jahres“ ausgerufen hat, ist mit Konzeption und Umsetzung trotzdem nicht zufrieden. „Die Maßnahme ist formal in Ordnung, aber sie funktioniert in der Praxis nicht“, sagte Klaus Dahl von der Nabu-Ortsgruppe Backnang. Die ausgesuchten Wiesen eigneten sich nicht für die Feldlerchen, weil etwa eine Streuobstwiese angrenze. In einem anderen Abschnitt liege daneben eine Plantage für den Erwerbsobstbau, die abschreckend wirken könne. „Ich sehe das mit großer Sorge“, sagte der Naturschützer der SÜDWEST PRESSE.

Dahl kritisiert auch das Verhalten der Behörden: „Die Naturschutzverbände sind nicht informiert worden, es wurde einfach etwas gemacht.“ Keine Zweifel hat er jedoch an der durchschlagenden Wirkung der Flatterbänder: „Da werden sich keine Lerchen mehr ansiedeln.“

Abwehr mit Folien

Solche Aktionen gibt es derzeit auch an anderen Orten, allerdings in kleinerem Ausmaß. Bei Schwäbisch Hall etwa wird ein neues Baugebiet im Stadtteil Bibersfeld mit Flatterband an zwei Meter hohen Pfosten als unerwünschte Zone für Feldlerchen markiert. Bereits 2017 wurde das künftige Baugebiet „Hinter den Tannen IV“ in Staig (Alb-Donau-Kreis) mit flatternden Bändern an 150 Pfählen zur „No Go Area“ für die braungefiederten Zugvögel erklärt. Dem Nabu sind auch andere Methoden der Vergrämung bekannt. Im Raum Karlsruhe wurde einfach der Boden mit Folie abgedeckt. Damit konnten die Vögel keine Mulden für ihre Nester schaffen.

Sollten sich Feldlerchen nicht von dem Geflatter auf den Backnanger Lerchenäckern beeindrucken lassen und trotzdem ihre Eier dort ablegen, dürfen sie bis zum Ende der Brutsaison nicht gestört werden.

Zum zweiten Mal „Vogel des Jahres“

Die Feldlerche ist 2019 zum zweiten Mal „Vogel des Jahres“, 1998 hat der Nabu erstmals mit diesem Titel auf  die Gefährdung hingewiesen. Seither sind die Bestände um etwa 25 Prozent zurückgegangen. Seit den 1970er Jahren hat sich die Zahl der Brutpaare nach Schätzungen um 50 bis 90 Prozent reduziert. In Deutschland sind noch zwischen 1,6 und 2,7 Millionen Paare heimisch. Dennoch ist der Vogel als „gefährdet“ eingestuft.

Der Lebensraum wird durch die intensivierte Bewirtschaftung und größere Siedlungsflächen immer geringer. Feldlerchen sind etwa so groß wie Stare (18 bis 19 Zentimeter), sie bevorzugen offenes Gelände mit trockenen bis wechselfeuchten Böden. Sie ernähren sich von Insekten, Spinnen, Schnecken und Regenwürmern. hgf