Winnenden / Roland Müller

Wenn heute um 9.33 Uhr in Winnenden die Kirchenglocken läuten, erinnert das an ein für Baden-Württemberg beispielloses Verbrechen: Um diese Zeit vor zehn Jahren ging der erste Notruf zum Amoklauf des 17-jährigen Tim K. ein. 16 Menschen starben im Kugelhagel in Winnenden und Wendlingen, viele davon Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 15 und 17 Jahren. Die Bluttat war ein Einbruch in eine scheinbar heile Welt – begangen von einem schüchternen Buben, der gern Tischtennis spielte.

Wie soll man umgehen mit einer solchen Tat, wie ihrer gedenken, zehn Jahre danach? Für viele Angehörige, Opfer und Einsatzkräfte ist es eine schwere Zeit, weil vieles wieder hochkommt, was schon verarbeitet schien oder verdrängt unter der Oberfläche schlummerte. Außenstehende können nur ahnen, wie es ihnen geht. Doch vor allem sind Zeit und Zeitgeist fortgeschritten. Haben wir wirklich etwas gelernt aus Winnenden?

Zunächst schien es jedenfalls so. Mit selten gekannter Intensität und Ernsthaftigkeit suchte gerade die Landespolitik nach fundierten Antworten statt nach populistischen Schnellschüssen. Über Monate berieten zwei Gremien im Landtag mit Experten über Möglichkeiten, wie solche Taten möglichst verhindert werden können. Mehr Sicherheit an Schulen, mehr Psychologen, Medienpädagogik, Mobbing-Prävention, schärfere  Waffenkontrollen: Viel Sinnvolles wurde auf den Weg gebracht, das meiste auch umgesetzt. Dass man mehr aufeinander achtgeben müsse, dass man die Scheuen und Stillen nicht untergehen lassen darf im Alltag, war breiter Konsens. Und mit dem Aktionsbündnis Winnenden bekamen auch die Opfer und Angehörigen eine laut vernehmbare Stimme in der Debatte – und sorgten selbst mit mutigen, streitbaren Einwürfen dafür, dass sie nicht überhört wurden.

Doch so sehr der Amoklauf eine Zäsur im kollektiven Gedächtnis ist – er erscheint aus heutiger Sicht auch weit weg. Es gehört (zum Glück) zur Natur dieser Taten, dass sie extrem selten sind. Da ist es menschlich, dass manch gut gemeinter Vorsatz irgendwann auf der Strecke bleibt. Es sind ja auch so viele andere Dinge passiert seither, die unsere Aufmerksamkeit und unser Mitgefühl einfordern. Neue Bedrohungen wie der Terrorismus haben sich in den Vordergrund geschoben und erfordern andere Antworten. Der brutale Umgangston in sozialen Medien und neue Formen des Cyber-Mobbing lassen manchen pädagogischen Ansatz von damals heute naiv erscheinen. Mord- und Foltervideos aus aller Welt fluten das Internet. Der Amokläufer, der 2016 in München wütete, hatte seine Pistole nicht aus dem elterlichen Kleiderschrank – sondern aus den Untiefen des „Darknet“. Und nach seiner Tat kehrte das Land viel schneller zur Tagesordnung zurück.

So zeigt der Rückblick auf 2009 auch, wie sehr sich die Welt seither verändert hat. Vielleicht sind wir auch einfach abgestumpfter geworden. Wäre das die Lehre zehn Jahre nach Winnenden, es wäre eine zutiefst erschreckende.

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