Raubtier Leben mit dem Wolf: Ein Besuch im Schwarzwald

Schäfer Gernot Fröschle und seine Frau Karen auf der Schafweide: Sie haben nichts gegen den Wolf, sagen sie.
Schäfer Gernot Fröschle und seine Frau Karen auf der Schafweide: Sie haben nichts gegen den Wolf, sagen sie. © Foto: Petra Walheim
Bad Wildbad / Petra Walheim 03.06.2018
Die Bevölkerung im Wolfsgebiet geht mit dem Tier entspannt um. Ein Besuch bei einem Schäfer, der 44 Schafe verloren hat.

Von der Spitze des Aussichtsturms auf dem Sommerberg, hoch über Bad Wildbad, ist das ganze Ausmaß zu sehen: Egal, in welche Himmelsrichtung der Blick geht, soweit das Auge reicht ist Wald zu sehen. Der Gedanke drängt sich auf, dass irgendwo da unten der Wolf lebt, der vor vier Wochen im Bad Wildbader Ortsteil Nonnenmiß (Kreis Calw) in einer Schafherde von Gernot Fröschle seinem Jagdtrieb freien Lauf gelassen hat. 44 Schafe mussten ihr Leben lassen. Eine derart heftige Wolfsattacke ist bislang weder landes- noch bundesweit bekannt geworden.

Fröschle hat die Ruhe weg. An diesem heißen Nachmittag steht er mit seiner Frau Karen am Waldrand oberhalb von Nonnenmiß und betrachtet die Schafe, die den Schatten suchen. „Das ist die große Herde mit 550 Schafen und Lämmern“ sagt er. Unter ihnen sind etliche Tiere, die die  Wolfsattacke in der Nacht vom 29. auf den 30. April miterlebt haben. „Sie haben das äußerlich betrachtet gut weggesteckt“, sagt er.

Ihm und seiner Familie mit den fünf Kindern hat die Wolfsattacke zugesetzt. Trotzdem gibt er nicht auf. Seine Schafe setzt er in dem topographisch schwierigen, weil steilen Gelände zur Landschaftspflege ein. Die Schafe halten mit ihrem Hunger auf Grünzeug die Flächen frei und erhalten die typische Kulturlandschaft. Fröschle möchte das nicht aufgeben, überlegt aber, die Schafherden nicht weiter zu vergrößern, sondern mehr auf Rinder zu setzen.

Elektrozaun als „Notfall-Set“

Bevor er mit seiner Frau die Weide betritt, stellt Karen den Strom an der Hochleistungsbatterie ab. Die jagt etliche tausend Volt durch den 1,07 Meter hohen Zaun. „An der von der Batterie am weitesten entfernten Stelle müssen es noch 3000 Volt sein“, sagt Fröschle. Das sei die Vorgabe. Batterie und Zaun hat er als „Notfall-Set“ vom Land geliehen bekommen. „Wer den Zaun berührt, bekommt ordentlich eine gewischt.“ Das gilt auch für den Wolf. „Die Hoffnung ist, dass er sich das merkt und den Schafen nicht mehr zu nahe kommt.“

Jetzt, da das Land die Förderkulisse „Wolfsprävention“ ausgewiesen hat, wird Fröschle sich für  seine 120 Hektar Weideflächen Zaunrollen mit 120 Zentimeter Höhe kaufen. Das Umweltministerium hat zugesagt, 90 Prozent der Kosten für derartige Zäune mit mindestens 90  Zentimetern Höhe zu übernehmen. Die 90 Zentimeter hält Fröschle für einen „Sparwitz“. Ein Zaun in dieser Höhe biete keinen Schutz.

Darum geht es aber im „Wolfsgebiet“, wie die Förderkulisse kurz genannt wird. „Wir fördern nicht den Wolf, sondern die Nutztierhalter und den Schutz der Herden vor dem Wolf“, sagt Ministeriums-Sprecher Frank Lorho. Auslöser für das Ausweisen der Förderkulisse sei nicht die Attacke gewesen, sondern die Erkenntnis, dass sich der Wolf seit einem halben Jahr in dem Gebiet aufhält. Das Tier, das aus Niedersachsen eingewandert ist, hat bereits im Herbst 2017 mit Rissen auf sich aufmerksam gemacht.

Viele Fragen bleiben unbeantwortet

Für Schäfer Fröschle bringt die Förderkulisse nicht die Antworten, die er sich vom Land erwartet: Wer  haftet, wenn eine Herde Schafe oder Rinder in Panik vor dem Wolf auf die Straße flüchtet und einen Unfall verursacht? Dadurch, dass er nun die Herde auch von der Bachseite her einzäunen muss, muss er den Uferbereich, den bisher die Schafe abgefressen haben, von Hand pflegen. Und die Schafe, die den Bach als Tränke genutzt haben, muss er mit Wasser versorgen. Das und andere zusätzliche Arbeiten ergeben einen „großen zeitlichen Mehraufwand“. Wer kommt dafür auf? Die Entschädigung für die gerissenen Schafe hat er bekommen – und ist zufrieden. „Da hat sich das Land nicht lumpen lassen.“

Fröschle hat nichts gegen den Wolf. „Aber ich möchte nicht nochmal Schafe verlieren, sondern eine Lösung haben, die die Schafe schützt.“ Die sucht auch noch das Land. Die Förderkulisse „Wolfsprävention“ ist ein weiterer Schritt in diese Richtung.

Die Menschen im Enztal, wo  der Wolf gewütet hat, bleiben gelassen. Eine Frau, die nur ein paar hundert Meter vom „Tatort“ entfernt einen Campingplatz betreibt, hat keinerlei Auswirkungen zu spüren bekommen. „An Himmelfahrt und Pfingsten war der Platz voll“, sagt sie. Niemand habe seine Buchung storniert.

„Der Schwarzwald verträgt den Wolf“, sagt Stephan Köhl, Geschäftsführer der Touri-Info in Bad Wildbad. Er hält Zecken und Wildschweine für wesentlich gefährlicher. Wegen der Attacke habe kein Gast seinen Urlaub storniert. Er fordert, wie auch Bürgermeister Klaus Mack und die Jäger im Land, dass der Wolf in das Jagd- und Wildtiermanagementgesetz aufgenommen wird. Nicht, weil das europa- und bundesweit streng geschützte Tier dann leichter abgeschossen werden könnte. Sondern „weil  wir als Betroffene beim Wolfsmanagement mitreden und mitentscheiden wollen“, schreibt der Landesjagdverband.

Karl-Heinz Schraft, der ebenfalls in Nonnenmiß Schafe und Ziegen hält, geht davon aus, dass  etliche Nutztierhalter aufgeben werden. Was werde dann aus der Landschaftspflege, fragt er sich. „Dann wird alles zuwachsen.“

Verbände fordern auch den Abschuss

Bündnis 19 Verbände von Tierhaltern, Jägern und Waldbesitzern sehen dringenden Handlungsbedarf gegen eine weitere Ausbreitung von Wölfen. Der Schutz von Menschen müsse Priorität haben und die Weidetierhaltung flächendeckend möglich bleiben, heißt es in einem „Aktionsplan“.

Statistik Für mehr Transparenz solle der bundesweite Bestand halbjährlich mit exakten Zahlen veröffentlicht werden, damit die Ausbreitung nicht verschleiert werde. Auszugehen sei von mehr als 1000 Tieren in Deutschland.

Abschuss Zu einem „vernünftigen Umgang mit dem Wolf“ soll demnach künftig auch der Abschuss gehören. „Es wird erforderlich sein, Wölfe zu entnehmen“, so die Verbände.

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