Als Kai Uttenweiler im März nach Bayern aufbricht, ist es für ihn ein Auftrag wie jeder andere: Der Maler und Lackierer muss auf Montage. Was der 33-Jährige aus Dotternhausen da noch nicht ahnt: Es wird das letzte Mal sein, dass er seinem Beruf nachgehen kann. Uttenweiler wird krank, leidet an Kopfschmerzen. Zitteranfälle plagen ihn, das Atmen fällt ihm schwer. Könnte es Corona sein? Uttenweiler, der an Diabetes leidet und damit Risikopatient ist, stellt sich diese Frage. Doch noch hört er auf seinen Chef. „Die Firma drohte damit, mich zu kündigen, wenn ich zum Arzt gehe“, sagt Uttenweiler.

Zuhause verliert er den Geschmackssinn

Ein paar Tage später, Uttenweiler ist wieder zu Hause, bekommt er immer größere Atemnot, Muskelschmerzen, auch die Kopfschmerzen werden immer schlimmer. Es fällt ihm schwer, sich zu konzentrieren, dann verliert er auch noch seinen Geschmackssinn. Als seine Freundin ihn zum Hausarzt bringt, schickt der ihn sofort nach Balingen ins Zollernalb Klinikum. Für die Ärzte dort ist schnell klar: Ihr Patient atmet nicht mehr richtig. Der 33-Jährige schwebt in Lebensgefahr.
Kurze Zeit später liegt Kai Uttenweiler auf der Intensivstation. Ein Test bestätigt, was er bereits in Bayern vermutet hatte: Er hat sich das Coronavirus eingefangen. In der Zeitung wird er als anonyme Zahl auftauchen, als einer der ersten Corona-Patienten in der Klinik. Uttenweiler ist zugleich auch jener Fall, der Klinikchef Dr. Gerhard Hinger spürbar nahegeht. In Pressegesprächen berichtet Hinger mehrfach vom dramatischen Verlauf des jungen Mannes, dem sie in Balingen nicht weiterhelfen können. Kai Uttenweiler wird nach Tübingen verlegt.

Eine Stammzellenspende rettet Kai Uttenweilers Leben

Zweieinhalb Wochen liegt er dort im künstlichen Koma, muss beatmet werden. Schließlich versagt auch noch seine Niere, der Herzbeutel entzündet sich, sein Blut muss gewaschen werden. Am Ende ist es die Stammzellenspende eines genesenen Corona-Patienten, die ihm das Leben rettet. In der Firma setzen sie derweil einen Brief auf: Uttenweilers Arbeitsvertrag wird nicht verlängert.
Doch die Prioritäten des 33-Jährigen haben sich verschoben: Uttenweiler ist nun Long-Covid-Patient, leidet unter Spätfolgen. Solche, die sich Ärzte nicht erklären können, von denen sie sagen, „so etwas noch nie gesehen zu haben“.

Ohne starke Schmerzmittel geht es nicht

Der Dotternhausener muss starke Schmerzmittel nehmen – zu stark sind bis heute die Schmerzen in Brust und Rücken. Seine linke Körperhälfte ist taub. Atemnot hat er noch immer. „Vier Monate hat es gedauert, bis ich ohne Rollator laufen konnte.“ Auch heute noch plagen ihn starke Konzentrationsprobleme. In seinem gelernten Beruf als Maler und Lackierer, ist er sicher, wird er nie wieder arbeiten können, schon der Lacke wegen. „Ich lebe im Moment nur von Tag zu Tag“, sagt der 33-Jährige. Der froh ist über jeden kleinen Schritt zurück ins Leben. „Das Schlimmste ist, wenn man plötzlich nicht mehr selbstständig ist, wenn die Freundin einem beim Anziehen helfen muss“, sagt er. Und nicht nur das: Als Uttenweiler aus dem Koma erwacht, kann er nicht mehr laufen, nicht mehr rechnen, nicht mehr schreiben, nicht mehr essen und auch nicht auf die Toilette. Uttenweiler ist gefangen im eigenen Körper, der nun 17 Kilo weniger wiegt. „Ich musste alles wieder lernen wie ein kleiner Junge.“

Albträume, die immer wieder kommen

Jetzt, mehr als ein halbes Jahr später, erreichen wir ihn in der Reha. Hier, in Bad Dürrheim, wollen sie ihm zumindest etwas Lebensqualität zurückgeben. „Es geht darum, dass die Lunge gefestigt wird“, sagt Uttenweiler. Dabei sind es längst nicht nur die körperlichen Corona-Spätfolgen, unter denen er leidet. Die vergangenen Monate haben ihm psychisch alles abverlangt. Auf die Frage, wie es ihm geht, antwortet er schonungslos ehrlich: „Sehr schlecht.“ Damit ist er nicht allein. In der Reha berichten sie alle von ganz ähnlichen Erfahrungen. Die trüben Erinnerungen aus dem Koma. Die Stimmen der Ärzte, die sie wahrgenommen haben. Die immer wiederkehrenden Albträume. Und dann sind da all diejenigen, die Corona als Erkältung verharmlosen. „Man kann sehr wohl auch als junger Mensch schwer erkranken“, sagt Uttenweiler. Auch Ärzte werden nicht müde, darauf hinzuweisen, dass es auch junge Patienten schlimm erwischen kann, auch sie Vorerkrankungen haben können. Ganz besonders belastend für Uttenweiler: Selbst in seinem eigenen Umfeld nimmt er zweifelnde Stimmen wahr. Mehr als einmal hört er: „So schlimm wird das nicht sein.“

Mit den Schmerzen muss er leben – vielleicht für immer

Und dennoch: Aufgeben kommt für den 33-Jährigen nicht infrage. „Ich habe eine zweite Chance bekommen, die viele andere nicht haben.“ Auch wenn er mit den Schmerzen leben muss. „Vielleicht für immer“, sagt er.
Ortswechsel: Andrea Keinath aus Onstmettingen erinnert sich noch gut an den einen Nachmittag im März. „Ich hatte mittags ganz normal gegessen“, erzählt sie. Um 16 Uhr dann macht sie sich einen Kaffee, dazu greift sie zur Schokolade. „Beides hat plötzlich gleich geschmeckt“, sagt die 53-Jährige. Ihr erster Gedanke, nachdem der Kaffee gar nicht mehr schmecken wollte: „Vielleicht habe ich mir den Magen verdorben.“ Ihr Hausarzt schreibt sie drei Tage krank, um die Sache zu beobachten. „Der Geschmackssinn ist weggeblieben“, erinnert sich Keinath.

Die Lage wird schnell dramatisch

Doch noch macht sie sich keine größeren Sorgen, nennenswerte Vorerkrankungen hat sie nicht, etwas Bluthochdruck. Die Lage aber ändert sich schnell, auch weil zwischenzeitlich ein Freund der Familie beatmet auf der Intensivstation liegt – der Mann hat Covid-19. Einige Tage zuvor waren sie gemeinsam auf einer Geburtstagsfeier. Andrea Keinath geht noch einmal zum Hausarzt. Der schickt sie nach Balingen ins Corona-Testzentrum. Das Ergebnis, lassen die Helfer Andrea Keinath wissen, werde in ein paar Tagen da sein. Keinath fährt nach Hause, doch dort schafft sie es kaum mehr die Treppen hoch. „Ich habe ganz schlimmen Husten bekommen und mich hingelegt.“

Dann geht alles ganz schnell

Am Abend dann geht alles ganz schnell. „Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass ich die Nacht nicht überlebe“, sagt Keinath. Sie bittet ihren Mann, sofort einen Rettungswagen zu rufen. Wenige Minuten später stehen Rettungskräfte vor ihrer Haustür, die sie nach Balingen in die Klinik fahren. In der Notaufnahme lassen sie größte Vorsicht walten, Infektionsschutz steht hier an erster Stelle. „Sie fragten mich, ob ich mir zutraue, die restlichen 15 Meter selbst zu laufen.“ Andrea Keinath wird im Rollstuhl in die Klinik gefahren. Danach wird sie drei Wochen nicht mehr aufstehen. Die Ärzte diagnostizieren eine doppelseitige Lungenentzündung. „Sie haben mir gesagt, dass ich vermutlich beatmet werden muss“, erinnert sich Keinath. „Wenige Tage zuvor hatte ich es noch nicht so ernst genommen.“ Jetzt bereiten die Ärzte sie auf das Schlimmste vor.

Den Alarmton des Beatmungsgeräts nimmt sie auch im Koma wahr

Tags darauf liegt Andrea Keinath im künstlichen Koma. Die 53-Jährige muss beatmet werden. Elf Tage lang, dann holen sie die Ärzte zurück. Genau wie Kai Uttenweiler berichtet sie von schlimmen Albträumen. „Ich habe im Koma auch den ständigen Alarmton vom Beatmungsgerät wahrgenommen.“ Wenn sie heute einen solchen Ton im Fernsehen hört, zuckt sie zusammen: „Das ist wie ein Trigger für mich.“ Auch wenn sie in den Nachrichten Bilder davon sieht, wie Covid-19-Patienten auf der Intensivstation gedreht werden, bekommt sie ein Engegefühl, wie sie sagt.

Das Virus hatte mehrere Organe angegriffen

Aber: Körperlich macht sie schnell Fortschritte, auch sie kommt in die Reha, jeden Tag muss sie mehrere Therapien absolvieren. „Es gibt einen Gehtest, zunächst sechs Minuten, dann jeden Tag ein bisschen mehr“, erzählt sie. Keinath bekommt das gut hin, nach drei Wochen darf sie heim. Auch die Leber- und Nierenwerte sind wieder in Ordnung. Wie bei vielen Covid-19-Patienten hatte das Virus auch bei Andrea Keinath mehrere Organe angegriffen. Und dennoch: Auch Andrea Keinath muss sich noch immer zurück in ihr altes Leben kämpfen.
Vor allem bei kognitiven Aufgaben spürt sie die Spuren des Virus. Und genau wie Kai Uttenweiler fällt es ihr schwer, sich zu konzentrieren. Tut sie dies doch und überanstrengt sich, verliert sie immer wieder ihren Geruchssinn. Anfangs macht ihr das Angst, doch inzwischen weiß sie besser damit umzugehen. „Es riecht dann zwei Tage lang alles chemisch und metallisch.“

Manchmal verwechselt sie Zahlen, eine E-Mail wird zur Herausforderung

Vor allem der Austausch mit anderen Betroffenen in einer Facebookgruppe hilft ihr, diese Dinge einzuordnen. Ende Juni fängt die kaufmännische Angestellte wieder an zu arbeiten. In der Firma haben sie Kurzarbeit, so arbeitet sie nur zwei Stunden am Tag, nicht wie normalerweise fünf. „Das ginge auch noch nicht“, sagt sie. Wenn Keinath etwas erzählen möchte, kommt es vor, dass ihr plötzlich die Worte nicht mehr einfallen. Manchmal verwechselt sie Zahlen, kann dann eine 4 nicht mehr von einer 7 trennen oder eine 5 von einer 8. „Das wird im Gehirn dann alles eins.“ Früher hat sie, die im Vertrieb arbeitet, englischsprachige Verträge geprüft. „Heute muss ich Kollegen fragen, ob eine einfache E-Mail, die ich schreibe, so okay ist.“

„Es macht mich verrückt, wenn ich lese, was die Aluhutfraktion verbreitet“

Doch es sind nicht nur die Corona-Spätfolgen, die der 53-Jährigen zusetzen. „Es macht mich verrückt“, sagt sie, „wenn ich auf Facebook lese, was die Aluhutfraktion dort verbreitet“. Angesichts der steigenden Infektionszahlen ist auch das ein Grund, wieso sie sofort zusagt, als wir fragen, ob wir ihre Geschichte aufschreiben dürfen. Keinath glaubt: Diejenigen, die auf Corona-Demos gehen, wo teils krude Verschwörungsmythen verbreitet werden, seien in ihrem Denken so verstrickt, dass man mit Fakten kaum mehr an sie herankomme. „Wir müssen die Sache ernst nehmen“, mahnt Keinath. „Ein ausgefallener Urlaub ist wirklich nicht das größte Problem, das wir gerade haben.“

In Onstmettingen kennt man Andrea Keinath – und nimmt Corona ernst

Keinath appelliert an die Verantwortung aller: „Ich bin beinahe an Corona gestorben, mein Mann hat jeden Abend eine Kerze für mich angezündet. Das wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht.“ In Onstmettingen zumindest, wo die begeisterte Klarinettistin im Musikverein spielt, ist ihre Botschaft angekommen. „Hier nehmen es die Leute ernst.“ Und auch an der Klarinette macht Keinath langsam, aber sicher Fortschritte. „Daran kann ich mich erfreuen.“

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