Der Geschäftsführer des Zollernalb Klinikums, Dr. Gerhard Hinger, hat eine klare Meinung zur diskutierten Impfpflicht für Pflegekräfte: „Wir stehen hinter der Impfung und ihrer Notwendigkeit, aber das liegt mir sehr schwer im Magen.“
Eine Impfpflicht hält er für völlig kontraproduktiv, will schnellstmöglich für Impfstoff sorgen und seine Mitarbeiter mit Informationen überzeugen.

Hunderte Mitarbeiter wollen sich impfen lassen

Bei über einem Drittel brauche es das gar nicht mehr. Über 500 Mitarbeiter hätten sich sofort dazu bereit erklärt, sich impfen zu lassen, sagt Betriebsarzt Thomas Molsner. Hinger sieht darin eine „sehr hohe Impfbereitschaft“.
Ein Grund für die hohe Sensibilität für die Erkrankung liege in den vielen Erfahrungen, die man während der beiden Coronawellen im Zollernalb Klinikum mit dem Virus gemacht habe.

Klinikchef sieht wenig Impfverweigerer

„Wir haben keine nennenswerte Anzahl an Impfverweigerern“, sagt Hinger. Die meisten hätten erkannt, dass eine Impfung das Klinikum weiterbringe.
Seit Mitte Dezember sei also alles vorbereitet – doch noch fehlt der Impfstoff, sagt Claudia Hermanutz, die die Impfungen in der Klinik federführend organisiert. Benötigen würde man gleich die doppelte Dosis. Denn die notwendige zweite Ration müsse aufgehoben werden, dürfe nicht anderen Mitarbeitern gespritzt werden, so dass diese wenigstens eine erste Dosis erhalten hätten.

Noch fehlt der Impfstoff

Wann der kommt: unklar. Auch wenn die Ständige Impfkommission längst festgelegt hat, wann welche Pflegekräfte und Ärzte, wann welche Kliniken zum Zuge kommen.
In der Theorie werden die Impfdosen in die Klinik geliefert, der Betriebsarzt setzt die Spritze. In der Realität bemüht man sich jedoch aktuell um Termine für die 300 Mitarbeiter, die mit höchster Priorität geimpft werden könnten: zum einen im Zentralen Impfzentrum in Tübingen, zum anderen auch im bald öffnenden Kreisimpfzentrum in Meßstetten, wo es voraussichtlich bereits in einer guten Woche losgehen kann. Bislang erfolglos. Denn knapp ist der Impfstoff überall.

Gemischte Stimmung in der Pflege

Der stellvertretende Pflegedirektor Thomas Scholz sieht eine gemischte Stimmungslage bei seinen Kollegen. Er geht davon aus, die Bereitschaft steige weiter, sobald erste positive Erfahrungen gemacht wurden.
Wie Hinger findet auch er, dass die Diskussion um eine Impfpflicht die Kollegen stigmatisiere. Es sei unsäglich, dass die Politik so generalisierend gegen die Pflege agiere.

Keine Sonderbehandlung für Geimpfte

Intern werde kein Unterschied zwischen geimpften und nicht-geimpften Mitarbeitenden gemacht, betont Hinger. Das können und dürften wir auch gar nicht, sagt er. Vor allem auch im Hinblick darauf, dass weiterhin nicht gesichert ist, ob geimpfte Mitarbeiter Patienten anstecken könnten.
Dass es noch immer offene Fragen gibt, die Skeptiker beschäftigen, leugnet auch Erwin Biecker, Chefarzt der „Inneren“, nicht: „Noch ist unklar, ob man von einer Infektion oder von einem schweren Krankheitsverlauf geschützt ist.“

Covid-Patienten fordern die Klinik

Doch selbst wenn dank Herdenimmunität in der Gesellschaft lediglich die Härtefälle wegfallen würden, wäre die Klinik entlastet: „Grob die Hälfte der Patienten sind aktuell Covid-19-Fälle“, sagt Biecker. „Wären zwei Drittel der Gesellschaft geimpft, wären auch weniger Patienten im Krankenhaus.“
Sicherlich sei das Optimum ein Impfstoff, der sechs bis acht Jahre lang entwickelt worden sei, und sich dann als absolut sicher herausgestellt habe, meint Biecker und schiebt nach: „Dass wir die Zeit dafür nicht haben, muss ich nicht erklären.“

Ärzte und Pfleger haben Vorbildfunktion

Bei den beiden bislang zugelassenen Impfstoffen auf mRNA-Basis habe es vernünftige Studien ohne schlimmere Zwischenfälle gegeben. Allergische Reaktionen nach einer Impfung seien keine Besonderheit bei Impfungen, vor allem nicht bei Menschen, die ohnehin zu solchen Reaktionen bei Fremdstoffen neigen würden.
Biecker sieht sich und seine Kollegen deshalb als Vorbilder, jeder sollte sich impfen lassen. Wenn klar sei, dass ein Geimpfter auch das Virus nicht mehr weitergeben kann, sei man das auch seinen Patienten gegenüber schuldig.

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