Bilder, Töne, Sprache – das sind die Zutaten, aus denen Fernsehnachrichten gemacht werden. Aber was tun, wenn der mächtigste Mann der Welt allzu oft keine ganzen Sätze rausbringt? „Trump-Zitate waren für uns schwierig“, lässt die aus Hechingen stammende Journalistin das Publikum in der Balinger Stadthalle wissen. Buckenmaier ist am Sonntagvormittag per Liveschalte nach Balingen verbunden. In den USA ist es noch dunkel, als sie diese Anekdote erzählt, über die sie in Balingen, mehrere tausend Kilometer entfernt, schmunzeln.
Morgendliche Frühstarts aber gehören für die Korrespondentin dazu. „Ab 6 Uhr morgens checke ich die Nachrichten“, sagt Buckenmaier. Was sich seit der Abwahl Trumps immerhin etwas entspannter gestalte, habe der doch seine Meinung zu Themen da oft schon über Twitter verbreitet gehabt.

Viele zweifeln die Wahl an

Doch auch ohne das berühmte Twittergewitter des Präsidenten sei die Gesellschaft in den USA nach wie vor stark gespalten, sagt Buckenmaier – zwischen Anhängern der Republikaner auf der einen und der Demokraten auf der anderen Seite. „Es gibt 30 bis 40 Prozent der Menschen, die glauben, Biden sei nicht rechtmäßig gewählt worden.“ Und dennoch: Man dürfe die Menschen in den USA nicht über einen Kamm scheren, mahnt die Journalistin in Richtung der deutschen Zuhörer.

Trump-Anhänger: keine kleine Gruppe

Sie betont aber auch: „Das ist keine kleine Gruppe.“ Menschen, die nach wie vor Trump anhängen, die empfänglich sind für Verschwörungserzählungen, befeuert von Republikanern, die falsche Gerüchte streuten, die Medien generell nicht glaubten – die Trump bekanntermaßen im Wahlkampf als Feinde des Volkes bezeichnet hatte. „Er hat mit dem Finger auf uns gezeigt“, erinnert sich Buckenmaier. Auf die, aus Trumps Sicht, „Fake-News-Leute“. Sie erinnert sich: „Die Masse von Menschen hat sich umgedreht und uns mit hassverzerrtem Gesicht angeschrien. Das fand ich gespenstisch.“
Andererseits habe sie sich an Szenen wie diese im Laufe der Zeit gewöhnt, zumindest ein Stück weit: „Das war einfach sein Standard, damit hat er seine Anhänger aufgeheizt.“ Das Misstrauen gegenüber den Medien – vielleicht rührt es auch daher, dass viele gar nicht genau wissen, wie eben diese arbeiten, vermutet Buckenmaier. „Wir machen unglaublich viel Arbeit im Vorfeld, wir gehen mit einer Nachricht nur raus, wenn wir wirklich sicher sind.“ Die Journalistinnen und Journalisten im ARD-Studio machten ihr „normales handwerkliches Geschäft“, sagt Buckenmeier, angesprochen von einem Besucher auf den Umgang mit kursierenden Falschnachrichten. „Man muss ohnehin jede Nachricht überprüfen“, betont Buckenmaier. Bei Trump allerdings, ergänzt sie, „war das mehr“.

Der Sturm aufs Capitol

Einen Tag wird die Fernsehjournalistin nicht vergessen: den Sturm von Trump-Anhängern aufs Kapitol am 6. Januar. Buckenmaier brachte die Geschehnisse an jenem Tag in die deutschen Wohnzimmer – immer vorne dabei, aber nie mittendrin: „Wir haben ja auch Verantwortung für unser Team.“ Und dennoch: Claudia Buckenmaier wurde an diesem Tag für viele in Deutschland das Gesicht der Stunde, auch für Thomas B. Jones, Moderator der Veranstaltungen rund um die World-Press-Photo-Ausstellung. Als Deutsch-Amerikaner hatte er die Geschehnisse am Fernsehgerät verfolgt, zuhause in Kirchheim unter Teck. Ein prädestinierter Gesprächspartner also, der es in Balingen noch einmal genau wissen will: Wie hat die Korrespondentin diese historischen Szenen erlebt?
„Ich hatte schon damit gerechnet, dass es Proteste geben würde“, sagt Buckenmaier. Aber der Sturm aufs Kapitol derer, die Bidens Sieg nicht anerkennen wollten – mit ihm hatte auch die USA-Expertin nicht gerechnet. „Ich dachte, die werden irgendwann gestoppt. Wir sind dann zurück, weil ich in der 20-Uhr-Tagesschau einen Aufsager machen musste. Dann fielen die Barrikaden.“ An diesem Tag, der Buckenmaier noch immer hörbar nahe geht, habe man mit den Menschen nicht mehr reden können, sagt sie. „Wir wurden nur noch angeschrien, die Medien hätten alles kaputtgemacht.“

Lokalzeitungen sind vielerorts ausgestorben

Ein großes Problem sei da das Bildungssystem in den USA, sagt Buckenmaier. In manchen Staaten etwa werde Geschichte gar nicht mehr unterrichtet. „Das führt dazu, dass Leute Falschmeldungen glauben.“ Und sie macht einen weiteren Punkt aus: Vielerorts in den USA gebe es keine Lokalzeitungen mehr. Gerade sie seien aber besonders wichtig, um politische Abläufe zu vermitteln – eben auch diejenigen im Rathaus vor der eigenen Haustür.

„Ich sehe momentan nicht, wo der Ausweg ist“

Doch wie könnte eine derart gespaltene Gesellschaft wieder zueinander finden? Buckenmaiers Prognose: eher düster. „Ich sehe momentan nicht, wo der Ausweg ist. Viele hatten gehofft, dass Biden die Spaltung überwinden könnte, aber das sehe ich bislang nicht.“
Und dann ist da auch noch die Corona-Pandemie, „die gerade neue Nahrung bekommt“, wie Buckenmaier sagt. „In einigen Bundesstaaten sind es jetzt die Kinder, die auf die Intensivstationen kommen, in Florida liegt in jedem zehnten Intensivbett ein Kind.“ Besser sehe es in Gegenden wie Washington D.C. aus – dort ist die Impfquote höher.
Festzustellen sei: Viele derjenigen, die das Wahlergebnis nicht für rechtens hielten, seien auch Impfgegner, die Corona nun erwische: „Sie erkranken jetzt.“ So wie der rechte Radiomoderator und Trump-Verehrer Dick Farrel, der gegen das Impfen, gegen Virologen gewettert hatte und jüngst an Covid-19 starb.
Ob dessen letzte Botschaft – „ich wünschte, ich hätte mich impfen lassen“ – zu den Menschen durchdringt? Claudia Buckenmaier bezweifelt das.

Die Menschen sprechen nicht mehr richtig miteinander

„Ich finde die Spaltung der Gesellschaft als ziemlich schlimm“, sagt sie. „Beide Seiten sprechen nicht mehr richtig miteinander.“ Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie habe sich das „echt zugespitzt“, sagt die Korrespondentin. „Das habe ich in den vier Jahren, in denen ich hier bin, immer deutlicher gespürt.“
Und dennoch: Buckenmaier, die in diesem Jahr die Leitung des ARD-Studios in Washington D.C. übernommen hat, brennt für ihren Beruf. Und für die Einblicke in die kleinen Welten, die ihr die Menschen geben, wenn sie wieder einmal draußen ist, zwei, drei Tage lang auf Dreh. Auch dann, „wenn man innerlich manchmal zusammenzuckt, bei dem, was man zu hören bekommt“. Buckenmaier will die Menschen verstehen, ihre Geschichten erzählen. Uns, in ihrer Heimat.