Pressekonferenzen im Kanzleramt sind seine Sache nicht. Doch an jenem Tag im März 2020 hat Daniel Biskup den richtigen Riecher. Wieder einmal. Biskup ist da, als Angela Merkel diesen einen Satz sagt, der fortan alles verändern würde: Es solle „wo immer es möglich ist, auf Sozialkontakte verzichtet werden“. Biskup ist da, wenn Geschichte passiert – und manchmal auch schon davor. So als ob sich der Lauf der Zeit ganz nach ihm richten würde, dem Fotografen aus Augsburg.

Laschet auf dem bayerischen Löwen

Als Biskup vor ein paar Jahren mit Armin Laschet am Starnberger See steht und die beiden noch etwas Zeit vor einem Termin haben, tut Biskup, was er immer tut: Er fotografiert – und positioniert den lachenden Laschet auf einer Löwen-Statue, dem Symbol des Freistaats Bayern. Welche inhaltliche Wucht, welche Symbolik dieses Foto einmal entfalten würde, später, als die Union um ihren Kanzlerkandidaten ringt, konnte Biskup da noch nicht ahnen. „Wir haben einfach ein paar Fotos gemacht.“ Er hatte den richtigen Riecher, wieder einmal. Und Glück. Das gehöre zu einer Karriere wie der seinen immer dazu, betont der Vater zweier Töchter frei von Eitelkeit. Er, der einst schnell gemerkt hatte, dass die Ausbildung bei der Post nicht seine Welt werden würde und seine Zeit viel lieber mit der Kamera in der Hand verbrachte.

„Darf ich ein Foto von Ihnen machen?“

Geändert hat sich das bis heute nicht. Seine Nikon hat er auch am Mittwochabend dabei, und noch bevor Moderator Thomas B. Jones das Wort ergreifen kann, richtet Biskup sich an das Publikum im kleinen Saal der Stadthalle: „Guten Abend, ich bin Fotograf und würde gerne ein Foto von Ihnen machen. Ist das okay?“
Natürlich ist es das. Wer würde diesem Mann diesen Wunsch verwehren, in dessen Objektiv bereits Donald Trump, Bill Gates, Emmanuel Macron, Karl Lagerfeld, Claudia Schiffer, Salma Hayek, Roger Moore, Kronprinzessin Mette-Marit, Helmut Schmidt, Vladimir Putin, Michail Gorbatschow, George Bush senior, Gerhard Schröder, Angela Merkel und viele mehr geblickt haben? Und nun eben auch die Gäste in der Balinger Stadthalle, die schon wenige Minuten später einen Ritt durch die Geschichte und die Medien erleben, durch die Politik und die Karriere eines immer bescheiden gebliebenen Mannes.

Lagerfeld in der U-Bahn

Die Besucher lernen eine Frohnatur kennen, einen Meister seines Fachs, der sich nicht zu ernst nimmt, zugleich aber versteht, Menschen für sich zu gewinnen. Menschen wie Karl Lagerfeld, der – zum Erstaunen seiner Entourage – für Biskup 2002 spontan in einer Berliner U-Bahn-Station posiert, oder an einer Telefonzelle. Letztere sind längst abgebaut, die Aufnahme ist geblieben – heute schmückt sie die Wand im Vorstandsbüro der Deutschen Telekom. Selbst, wer Biskups Werke gut kennt, erlebt sie – präsentiert von ihrem Erschaffer – noch einmal in einem neuen Licht. „Herr Bundeskanzler, ich bin ein bisschen aufgeregt“, habe er bei seiner ersten Begegnung mit Kohl gesagt. „Musste nicht sein“, habe der entgegnet.
Kohl, dessen Verhältnis zu Medien als eher schwierig galt, vertraut Biskup, der ihn ab 1998 bei allen privaten wie offiziellen Anlässen als Fotograf begleitet – in Ludwigshafen und der ganzen Welt. Bis zu Kohls Tode. In dieser Zeit ändert sich sein Bild über den Ex-Kanzler, der sich Biskup auch privat öffnet – „was bei Merkel undenkbar wäre, da gibt es eine Grenze“. Biskup gesteht: „Ich hielt ihn immer so ein bisschen für den Einfaltspinsel aus der Pfalz.“ Der aber sei Kohl – „natürlich“ – überhaupt nicht gewesen.
Eines seiner wohl bekanntesten Fotos schießt Biskup 2009, 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer: die Väter der Wiedervereinigung, Michail Gorbatschow, Helmut Kohl und George Bush senior, gemeinsam vor einem Stück der Mauer. Es ist Kai Diekmann, seinerzeit Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, der Biskup früh Türen öffnet, die diese Momente, diese Fotos, diese Dokumente der Zeitgeschichte später ermöglichen.

Diekmann umwirbt Biskup

„Kai war wichtig, alle mächtigen Menschen auf der Welt persönlich kennenzulernen“, sagt Biskup, der dabei der Fotograf an Diekmanns Seite wird. Kurioserweise ist es zunächst Diekmann, der um den Fotografen aus Augsburg kämpfen muss. Biskup dokumentiert in seinen Anfängen die Wendejahre – zieht auf eigene Faust und ohne Auftrag los, nach Berlin, nach Moskau.
Diekmann aber bietet er seine Fotos gar nicht an. Der entdeckt sie ausgerechnet in der linksalternativen Konkurrenz. „Er sah meine Fotos in der taz“, erinnert sich Biskup. Diekmann will sie haben, und den Fotografen gleich dazu. Es ist der Beginn einer großen Karriere – auch wenn Diekmann nur die Fotos bekommt. Das Angebot einer Festanstellung nämlich schlägt Biskup aus, bis heute. Und längst zieren Biskups Fotos nicht mehr nur Titelseiten großer Zeitungen – seine Fotografien finden sich in Ausstellungen, Bildbänden, im Deutschen Historischen Museum in Berlin und im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.

Als erster deutscher Fotograf bei Trump

Und es sind ein ums andere Mal Biskups Fotos, die die alte Weisheit, wonach ein Bild mehr als tausend Worte sage, bestätigen. Wie etwa ließe sich der Charakter Trumps besser beschreiben als mit diesem einen Foto, das Biskup 2017 als erster deutscher Fotograf im Büro des Präsidenten schießt? „Trump hatte lauter eingerahmte Titelseiten an der Wand hängen, auf denen er selbst abgebildet war“, erzählt Biskup. „Das musste ich natürlich fotografieren.“ Eine Charakterstudie in einem einzigen Foto. Das ist Biskups Welt, der sich als Chronist des Zeitgeschehens versteht wie vielleicht kein anderer, gelegentlich auch zum Leidwesen seiner Familie: „Wenn ich etwas am Straßenrand sehe, halte ich an, um es zu fotografieren.“ Weil er weiß, dass sich Geschichte nicht allein in Präsidentenpalästen abspielt.

In Balingen verlässt den Meister das Fotografenglück ...

Deshalb will er am Donnerstag unbedingt noch mit der Kamera durch Balingen ziehen. Dokumentieren, wie Coronaleugner eine Mauer mit Sprüchen beschmiert haben. Biskup veröffentlicht seit Beginn der Pandemie jeden Tag ein Foto zum Thema auf Instagram. „Das ist in ein paar Jahren absolute Zeitgeschichte“, sagt er. Doch dieses eine Mal, hier in Balingen, hat der Fotograf das Glück ausnahmsweise nicht auf seiner Seite: Mitarbeiter der Stadt kommen ihm am Donnerstagmorgen ein paar Minuten zuvor. Als Biskup seine Kamera zücken will, sind die Schmierereien entfernt.