„Die Bedeutung der Medien im Wandel der Zeit“ – war der Diskussionsabend im Rahmen der World-Press-Photo-Ausstellung in die Stadthalle betitelt. Es waren spannende Fragen, die der Fotograf und Moderator des Abends, Thomas B. Jones, für den Chefredakteur Ulrich Becker und den Fotograf Lars Schwerdtfeger am Mittwochabend vorbereitet hatte. Die Antworten der beiden Journalisten eröffneten den Besuchern einen direkten Blick in Redaktionskonferenzen und Fototermine, in Entscheidungsprozesse und die Auswahl von Bildern.

Bilderflut hat ungeheuer zugenommen

Denn deren Flut, da waren sich der langjährige Journalist und der Fotograf einig, hat in den vergangenen Jahren ungeheuer zugenommen. „Dadurch entsteht ein Problem der Auswahl“, erklärte Ulrich Becker. Täglich gelte es, um die 15.000 Bilder zu sichten, mit denen Agenturen wie afp oder dpa die Redaktionen regelrecht fluteten. „1953 wurde die Bildzeitung als gedruckte Antwort aufs Fernsehen gegründet, damals hatte die Presse noch eine Art Hoheit über die Bilder“, so Becker. „Heute sind wir längst nicht mehr der Torwächter der Bilderflut“, fügte er an. Moderne Smartphones würden heute bei jeder Gelegenheit mannigfach gezückt, „die Presse hat längst keinen Absolutheitsanspruch mehr.“ Auch Exklusivität gebe es heute nicht mehr.
Dies bringe eine gewisse Beliebigkeit mit sich, umso wichtiger sei es, die Bilder aus der Masse auszuwählen, „die eine Geschichte erzählen und zu der Geschichte passen“, erklärte der Journalist. Ob die große Auswahl dabei Vor- oder Nachteil sei – „die Frage ist schwer zu beantworten. Auf jeden Fall ist sie mehr Arbeit“.

Ein Fotograf zwischen Auftrag und Idee

Solche emotionalen Bilder, die allein für sich genommen schon eine Geschichte erzählen und Emotionen wecken, das ist die Leidenschaft von Lars Schwerdtfeger. Der Fotograf, der seit zwölf Jahren für die Südwestpresse im richtigen Moment auf den Auslöser drückt, nahm seine gebannten Zuhörer mit in seinen nicht immer, aber oft genug spektakulären und abwechslungsreichen Arbeitsalltag. Zwischen sechs und vierzehn Termine am Tag arbeite er ab, oft mit einer Idee im Kopf, manchmal auch mit einem klaren Auftrag der Redaktion im Kalender.
Ein richtiges Lieblingsbild oder ein Best-of ist in den vielen Jahren nicht entstanden. Aber das Porträt von Theo Waigel habe ihn berührt, verrät er. „Er hat mich bei einem Interview sehr fasziniert, weil er den ganzen Raum mit seinem Charisma füllte, so, dass ich eine Viertelstunde die Kamera einfach liegen ließ, weil ich so gern zugehört habe.“ In solchen Momenten werde ihm bewusst, wie toll sein Beruf sei, sagt er.

Berufe mit Schattenseiten

Und dennoch gebe es auch in ihren Berufen Schattenseiten, räumten beide Gäste ein. Die Digitalisierung habe einen enormen Zeitdruck für Journalisten mit sich gebracht. Und dann sind da die nicht zu unterschätzenden Anfeindungen. Ob es die Hardcore-Fans des SSVs seien, die Fotografen mit Böllern bewerfen oder das große Misstrauen, das viele den Berichterstattern entgenbrächten – „die Sensibilität der Menschen hat sich verändert“, formulierte Ulrich Becker.
„Es ist ein Paradoxon“, wie der Journalist sagte, denn „die klassische Presse hat klare Vorgaben und ist zu einem verantwortungsvollen Umgang gerade mit Bildern verpflichtet, während deren private Preisgabe im Internet allem Tür und Tor öffnet“, wie er erklärt. Die „Meute der Fotografen“, die ohne Rücksicht auf Verluste einfach draufhalte, sei in 99 Prozent der Fälle ein Klischee aus Filmen und „kompletter Quatsch“.

Wunsch: Weniger Allerweltsfotos, mehr durchdachte Bilder

Und doch seien viele Betrachter, aber auch Medienschaffende im Umgang mit Fotos vorsichtiger geworden. „Die Agenturen verifizieren die Quellen ihrer Bilder selbst, darauf müssen wir uns verlassen. Grundsätzlich veröffentlichen wir aber kein Foto, dessen Quelle wir nicht kennen“, erklärte der Chefredakteur, der einräumte, dass in Zeiten von Deep-Fake-Bildern für den Laien nur noch schwer zu erkennen sei, ob ein Foto manipuliert worden sei.
Wenn sie sich etwas wünschen dürfen, da waren sich beide abschließend schnell einig, so wären es mehr Bilder, die Geschichten erzählen. „Weniger Allerweltsfotos, mehr durchdachte Bilder“, so Becker. „Und vielleicht auch mehr von den Fotos, die die andere Seite, die der Hoffnung zeigen“, fügte Lars Schwerdtfeger an. Zweifelsohne sei er tief beeindruckt von den Fotos der World-Press-Photo-Ausstellung, „aber es überwiegen dabei eben Trauer, Krieg und Leid. Da ist es schön, dass das Siegerbild zumindest den Funken Hoffnung zeigt, dies müsste noch viel häufiger geschehen.“