Stetten a.k.M. Tödliche Hundeattacke: „Albtraum meines Lebens“

Auf einem Schleichweg zwischen zwei Wohnhäusern hatte der Kangal die Rentnerin angefallen und getötet.
Auf einem Schleichweg zwischen zwei Wohnhäusern hatte der Kangal die Rentnerin angefallen und getötet. © Foto: Benno Schlagenhauf/Archiv
Stetten a. k. M. / Corinna Wolber 06.06.2018
Im Prozess um die tödliche Hundeattacke vor einem Jahr in Frohnstetten hat der Mann der Getöteten ausgesagt.

Vor dem Amtsgericht in Sigmaringen zeigte sich am zweiten Prozesstag immer deutlicher, dass insbesondere die Besitzerin des Kangal heillos überfordert war. Zeugen schilderten übereinstimmend, dass das Haus völlig vermüllt und verwahrlost gewesen sei, von oben bis unten voller Katzenurin und -kot. Insgesamt lebten in dem Haushalt zum Zeitpunkt der Tragödie zwei Kangals, ein kleinerer Mischlingshund und circa 20 Katzen. „Schon direkt hinter der Eingangstür war alles verpisst und verschissen“, sagte am Dienstag ein Polizist, der vor gut einem Jahr in Frohnstetten am Einsatzort war.

Behauptungen, die Verschmutzungen seien eine Stressreaktion der Tiere auf den Polizeieinsatz gewesen, wies er zurück: „Das war nicht frisch.“ Das Haus sei in einem „Messie-Zustand“ gewesen. „Teilweise hat der Fußboden gefehlt, das war Erdreich.“

Der 66-jährige Witwer schilderte den Abend des 30. Mai 2017 aus seiner Sicht. Er sei zum Zeitpunkt des Angriffs unterwegs gewesen, um Erledigungen zu machen. „Als ich in den Ort kam, habe ich einen großen Menschenauflauf gesehen“, sagte er. Er habe zunächst sein Auto zu Hause abgestellt und sei dann die 300 oder 400 Meter zurückgelaufen. „Da kamen schon Polizisten auf mich zu und fragten nach meinem Namen.“ Er habe nachsehen sollen, ob seine Frau zu Hause ist – sie war es nicht. „Da hatte ich schon ein mulmiges Gefühl und bin mit den Beamten zum Rettungswagen gegangen.“

Seine Frau war zu diesem Zeitpunkt bereits tot, ihr Anblick für den Mann kaum zu ertragen: „Das war der Albtraum meines Lebens.“ Ihr Gesicht sei teilweise entstellt gewesen, durch die Bandage am Hals sei Blut gedrungen. „Mit so was muss man erst mal fertig werden.“ Dass dort zwei solche Hunde lebten, hätten weder er noch seine Frau gewusst, sagte der 66-Jährige. „Wir dachten, dass dort entweder niemand wohnt oder vielleicht alte Leute leben, die mit der Situation nicht klarkommen.“ Die Angeklagte habe er beim Prozess zum ersten Mal gesehen. „Ich wollte, wir hätten um diese gefährliche Situation gewusst.“

Oberstaatsanwalt Jens Gruhl erkundigte sich, ob die Angeklagten einen Teil der durch den Tod der Frau entstandenen Kosten übernommen oder sich beim Hinterbliebenen gemeldet hätten. Dessen Antwort: „Nein.“ Später sagte die Gerichtsmedizinerin aus, die die Leiche des Opfers in Tübingen obduziert hat. Vor allem im Kopf- und Halsbereich seien die Verletzungen der 72-Jährigen so schwer gewesen, dass die Frau letztlich verblutet sei. Ihr Ehemann hatte sich von der Medizinerin Antworten auf für ihn wohl quälende Fragen erhofft.

Er wollte wissen, wie lange seine Frau hat leiden müssen, wie lange es wahrscheinlich vom Angriff bis zu ihrem Tod gedauert hat. „Leider sind dazu keine verlässlichen Angaben möglich“, sagte die Sachverständige. Es gebe aber Hinweise darauf, dass Menschen extreme Schmerzen häufig erst zeitversetzt realisierten.

Nach wie vor nicht schlüssig beantwortet ist die Frage, warum die Angeklagten den zweiten Kangal Anfang Mai 2017 überhaupt zu sich nahmen – nur wenige Wochen vor seinem tödlichen Angriff auf die 72-jährige Spaziergängerin, die keine Chance hatte, sich gegen das übermächtige Tier zu wehren. Der Angeklagte schilderte, dass er „Rascon“ auf Bitten seines Arbeitgebers in Frankreich abgeholt habe. Schon kurz darauf habe das Tier zu seinem früheren Besitzer dorthin zurückgesollt, „aber wegen meines starken Rückenleidens hatte ich die erste Fahrt noch in den Knochen“.

Obwohl er wusste, dass Kangalrüden in der Regel nicht miteinander auskommen, habe er den Hund zu seiner getrennt lebenden Frau nach Frohnstetten gebracht. „Ich dachte, dann ist halt einer der beiden draußen und der andere im Haus, dann sind sie ja getrennt“, sagte der Angeklagte. Das Ganze sei „ein Freundschaftsdienst für den Arbeitgeber gewesen“.

Dass die beiden Angeklagten Probleme mit der Bewältigung ihres Alltags haben, scheint sich wie ein roter Faden durch ihre Biografien zu ziehen. So trat die Pflegemutter des heute 17-jährigen gemeinsamen Sohnes der beiden als Zeugin auf. In den ersten Jahren habe es regelmäßigen Kontakt zu den leiblichen Eltern gegeben, doch die letzte persönliche Begegnung liege bereits mehr als fünf Jahre zurück. „Von ihm haben wir dann gar nichts mehr gehört“, sagte die Frau. „Sie hat alle paar Wochen mal angerufen.“ Sie berichtete, dass die 44- und der 48-Jährige bereits zwei ältere Töchter hätten, die ebenfalls in Pflegefamilien aufgewachsen seien. „Sie haben das einfach nicht hingekriegt.“

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