Balingen Tafelladen: Lebensmittel werden fair verteilt

Die Verantwortlichen des Balinger Tafelladens haben ihre Kunden im Griff (von links): Jürgen Sting, Geschäftsführer der Balinger Tafel, Nathalie Hahn, stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins, und Thomas Hölzel, Marktleiter des Tafelladens.
Die Verantwortlichen des Balinger Tafelladens haben ihre Kunden im Griff (von links): Jürgen Sting, Geschäftsführer der Balinger Tafel, Nathalie Hahn, stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins, und Thomas Hölzel, Marktleiter des Tafelladens. © Foto: Nicole Leukhardt
Balingen / Pascal Tonnemacher 13.03.2018
Im Balinger Tafelladen gibt es kein Gedrängel, mit einem Farbsystem werden Lebensmittel an alle fair verteilt.

Alleinerziehende, Menschen in Altersarmut oder mit Niedriglohn: Die Anzahl der Kunden in der Balinger Tafel steigt stetig. Insgesamt 600 Kunden, davon 250 Kinder und Jugendliche, teilen sich im Tafelladen in der Olgastraße einwandfreie Lebensmittel im Wert von einer halben Million Euro pro Jahr, die sonst im Müll landen würden.

In Essen führte die Lebensmittelverteilung der Tafel zu Geschubse und Gedrängel von Ausländern; die deutsche Oma und die alleinerziehende Mutter seien daheimgeblieben: Die Entscheidung der Verantwortlichen dort, zeitweise nur Menschen mit deutschem Pass als Neukunden aufzunehmen, wurde daraufhin kontrovers diskutiert.

Farbe regelt, wer wann einkauft

Die Verantwortlichen der Balinger Tafel greifen solchen Verteilungsstreits mit einem Farbensystem vor. Jeder Neukunde bekommt einen Tafelausweis mit einer bestimmten Farbe. Ein wöchentlich wechselnder Plan bestimmt, welche Farbe ab wann dienstags und freitags zwischen 14 und 17 Uhr einkaufen darf. Zwischendurch wird die Ware nachgefüllt, das bedeutet: eine gute Auswahl für alle jederzeit. Den Bedarf aller Kunden können die Ehrenamtlichen damit nicht decken. „Das ist aber auch nicht das Ziel einer Tafel, wir wollen die Kunden mit unserem Angebot unterstützen“, sagt Nathalie Hahn vom Förderverein der Balinger Tafel.

Ein weiteres Ergebnis dieses Systems: „Kein Schubsen, kein Drängeln, keine Wartezeiten“, sagt Thomas Hölzel, der den Tafelladen seit 2015 leitet. Und wer sich nicht an die Regeln hält, wird verwarnt oder bekommt sogar Hausverbot. Das sei schon vorgekommen, doch das sehr konsequente Durchgreifen der Ehrenamtlichen habe sich herumgesprochen, sagt Hahn. Dementsprechend halten sich die Kunden meist an die Regeln. Und gibt es doch mal einen Streit, könne dieser meist dadurch gelöst werden, dass ein ehrenamtlicher Helfer vor Ort Landsmann sei und schlichten kann. „Wir haben eine gute Mischung an Nationalitäten, auch Flüchtlinge werden eingebunden“, sagt Hahn. „Das ist ein großer Vorteil bei uns.“

Wichtig sei den Verantwortlichen, alle Kunden gleich zu behandeln. Sie erwarten Respekt gegenüber den rund 60 Ehrenamtlichen, die oftmals selbst Tafelkunden sind und sich nebenher als Fahrer, im Verkauf, dem Putz- oder Aktionsteam beteiligen. Das machten sie auch in der Zeit des hohen Flüchtlingsaufkommens deutlich.

Auch wenn es verständlich sei, dass nur ein gewisses Kontingent an Entgegenkommen von Seiten der Ehrenamtlichen erwartet werden kann: Ganze Gruppen oder Nationalitäten würden sie nicht ausschließen.

Oftmals sei unklar, dass die Tafel keine staatliche Einrichtung ist. So entstehe ein Anspruchsdenken. In der Bevölkerung und bei den Kunden müsse deshalb dringend aufgeklärt werden: „Es gibt kein Recht auf Versorgung durch die Tafeln“, sagt Nathalie Hahn. Die Tafel muss sich über Spenden und den Warenverkauf selbst tragen, einen erneuten Zuschuss hat der Landkreis in diesem Jahr abgelehnt. Auch den anfallenden Müll muss die Tafel selbst bezahlen.

Tafel ermöglicht soziales Leben

Wird das Thema Hartz IV angesprochen, betonen die Verantwortlichen: Das reiche lediglich zum Überleben, nicht zum Leben.

Das Geld, das man dank der Tafel sparen könne, werde deshalb oft dafür genutzt, um der sozialen Ausgrenzung durch die niedrigen Hartz-IV-Sätze entgegenzuwirken. Also für Freizeit, Kultur oder soziale Teilhabe generell. Auch wenn es gute und schlechte Zeiten gibt und der Tafelladen kein sogenannter Vollsortimenter ist, erhalten die Kunden Unterstützung, die es von staatlicher Seite nicht gibt.

Hier nehmen die Verantwortlichen die Bundespolitik in die Pflicht: „Wir stellen unsere Arbeit sofort ein, sobald die Politik dafür sorgt, dass man uns nicht mehr braucht. Dann engagieren wir uns für Senioren, Kinder oder Ähnliches.“

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