Die Besucher durchlaufen einen Metalldetektor wie im Flughafen, jeder muss sich von Justizbeamten abtasten lassen. Handys bleiben draußen; Polizisten halten vor dem Hechinger Landgericht die Stellung. „Die Sache beschäftigt uns mittlerweile sehr“, sagt einer der Beamten. Sie nehmen die „Reichsbürger“ jetzt ernst – und müssen Erkenntnisse liefern: dem Verfassungsschutz beispielsweise, der wissen will, wie gefährlich die Anhänger der Szene sind. „Wir können aber noch gar nicht so genau sagen, mit wem wir es zu tun haben“, sagt der Polizeibeamte.

Auch der 54-jährige Mann aus Geislingen, der am Freitag vor Gericht steht, führt bis 2008 ein geordnetes Leben als Familienvater. Seinen Job in einem Balinger Unternehmen macht er gut; er ist Betriebsleiter und Ausbildungschef. Doch unter dem Druck seines Chefs, so schildert der Mann seine Geschichte, bricht er zusammen. Burnout, Klinik, Reha. Danach fasst er nie wieder Fuß im Berufsleben. Er meldet sich beim Arbeitsamt, einmal haben sie ihm einen Job angeboten. „Für 7,50 die Stunde, Mindestlohn“, sagt der Angeklagte. „Dafür gehe ich nicht arbeiten.“ Er will richtige Arbeit, doch das klappt nicht.

Wenn Sie mal 50 sind und einen Burnout hatten, fasst Sie keiner mehr mit der Gabel an“, sagt der Mann, der sehr schwäbisch spricht und zugleich sehr bestimmt. Nicht wie einer, der schnell vom Weg abkommt, erst recht nicht wie einer, der so schnell glaubt, was man ihm erzählt. Doch dann gerät er an den Falschen, einer, der ihm weismacht, dass Autos in Deutschland nicht versichert sein müssten.

Tatsächlich steht das im Gesetz, aber nur so ähnlich: Für Fahrzeuge der juristischen Person BRD (und freilich nicht alle Fahrzeuge in der BRD) gilt keine Versicherungspflicht. Der Angeklagte liest viel zum Thema im Internet. In Reichsbürgerforen findet er auch den größten Unsinn bestätigt. Seinen nicht zugelassenen Wagen stattet er kurzerhand mit Fantasiekennzeichen aus. Statt mit BL-Kennzeichen fährt der Mann nun mit grünen Nummernschildern durch die Gegend.

Darauf prangt das „Kennzeichen“ MENS-CH, ausgestellt vom selbsternannten Amt deutscher Stämme. „Ihnen ist aber schon aufgefallen, dass Sie der Einzige sind, der so rumfährt?“, will der Vorsitzende Richter Volker Schwarz wissen. Es geht seinerzeit nicht lange, bis die Polizei den Mann aus dem Verkehr zieht. Das Amtsgericht Balingen brummt ihm einen Strafbefehl auf; er muss 2200 Euro zahlen und eine Weile den Führerschein abgeben.

Nur wenige Wochen später sitzt er erneut in seinem Wagen vor seinem Haus, als eine Streife des Rosenfelder Polizeipostens heranfährt. Noch immer zieren Fantasiekennzeichen den Wagen des Angeklagten. „Steigen Sie aus“, sagt einer der beiden Beamten. Der 54-Jährige, so schildert es der Beamte, schimpft laut, fragt die Polizisten, von „welcher Fraktion sie denn seien“, verriegelt die Türen von innen und lässt die Scheiben hoch. Der Beamte stemmt die Beifahrerscheibe auf und greift Richtung Lenkrad. „Ich wusste, was kommt“, sagt der erfahrene Polizist. Er will den Mann an der Flucht hindern, doch das gelingt ihm nicht. Der Angeklagte startet den Wagen und gibt Gas. In letzter Sekunde kann sich der Beamte retten, der Wagen streift ihn noch leicht.

„Der Polizist lügt, so schlimm war das überhaupt nicht“, sagt der Angeklagte. Doch Richter Schwarz glaubt dem Beamten, nicht dem Angeklagten. Schließlich deckt sich auch die frühere Aussage eines Augenzeugen mit der Schilderung des Polizeibeamten. Für die Kleine Strafkammer steht fest: Der Angeklagte hatte ordentlich Gas gegeben, obwohl der Beamte zumindest noch mit seinem Arm im Auto steckte.

Gleich mehrere Straftaten kommen da zusammen, so viele, dass der Staatsanwaltschaft in der Anklage ein Formfehler passiert. Der war dem Amtsgericht in Balingen in erster Instanz entgangen – dort war der Mann zu einer zweimonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden, und wieder: ein paar Wochen Fahrverbot. Dagegen ging der Angeklagte nun in Berufung – mit einem Teilerfolg. Einige Punkte ließ das Gericht tatsächlich fallen – der formellen Fehler wegen.

Doch für die falschen Kennzeichen und den Widerstand gegenüber des Polizisten muss der Angeklagte 1500 Euro Strafe zahlen. Sein Verteidiger hatte zuvor recht gewagt auf Freispruch plädiert: Sein Mandant habe eben für wahr gehalten, was er im Netz gelesen hatte. „Ich bin fassungslos“, empörte sich darüber mehrfach Staatsanwalt Michael Schneider. Richter Schwarz betonte in seiner Urteilsbegründung, dass die Reichsbürgerideologie gefährlich sei. „Mit solchen noch kleineren Straftaten fängt es da an.“